Kategorie: Flettmar

Ein Zeitungsinterview mit dem Blogbetreiber zu den Veröffentlichungen auf kriegsgefangen44.blogspot.de.

Dieses ist die Langfassung eines im März 2015 geführten schriftlichen Interviews.  Es ist in einer leicht gekürzten Version am 31. Dezember 2015 in der „Gifhorner Rundschau“ erschienen.

Beginn Interviewtext:

– Eigentlich sind Sie ja Karikaturist – warum jetzt ein Blog über einen Kriegsgefangenen? Was treibt Sie dazu an?

Man ist ja als Mensch mit vielen, jedenfalls mehreren Eigenschaften auf der Welt. Daß ich vor 20 Jahren politischer Karikaturist, Illustrator und Zeichner im Vollberuf geworden bin, war nicht zuletzt in meinem seit jeher regen Interesse an Fragen der Politik und der Zeitgeschichte begründet. Dieses Interesse hat sich nun in der letzten Zeit ergänzend in der Aufarbeitung des Isensee-Nachlasses verwirklicht.


– Wie kamen Sie zu den Dokumenten? War Isensee ein Verwandter von Ihnen? Haben Sie sonst etwas mit Schönewörde oder dem Kreis Gifhorn zu tun?

Otto Isensee war mein Großvater mütterlicherseits. Ich habe das im Rahmen der Blogveröffentlichungen bewußt nicht erwähnt, weil es für die Rezeption der transkribierten Texte ohne Bedeutung ist. Es liegt nicht in meiner Absicht, meinem Großvater als Person ein Denkmal zu setzen, sondern ich möchte vielmehr die durch Vererbung auf mich gekommenen Aufzeichnungen und Dokumente als geschichtswissenschaftlich interessantes Material vor Vergeblichkeit, Verfall und Vergessen bewahren. In Schönewörde bin ich bis heute noch nicht gewesen, aber der Ortsname ist mir aus den Erzählungen meiner Großeltern, meines Onkels und meiner 2013 verstorbenen Mutter natürlich bestens bekannt. Im Landkreis Gifhorn, in Müden/ Aller, wurde ich im Sommer 1971 eingeschult, bin aber aus familiären Gründen wenige Wochen später an eine Grundschule im Landkreis Fallingbostel gewechselt. Im Nachbarort Flettmar war ich als kleines Kind oft bei den Großeltern zu Gast, und im wenige Kilometer entfernten Seershausen, ihrem Alterswohnsitz, habe ich als Schüler oft die Ferien verbracht.

– Wissen Sie, was nach der Kriegsgefangenenschaft aus ihm und seiner Familie geworden ist?

Otto Isensee kehrte 1948 aus russischer Kriegsgefangenschaft heim, war von 1949 bis 1973 Lehrer an der Volksschule in Flettmar, Landkreis Gifhorn, und wohnte dortselbst bis 1971 im Lehrerwohnhaus neben der Schule. Bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1974 hat er anschließend als Lehrer an der Volksschule in Müden/ Aller gewirkt. Von 1952 bis 1973 war er Hauptlehrer und Leiter der Flettmarer Volksschule. Ergänzend führte er im Flettmarer Lehrerwohnhaus bis 1971 eine Nebenzweigstelle der damaligen Kreissparkasse Gifhorn. Er wohnte von 1971 bis zu seinem Tod im Jahre 1995 in Seershausen. Seine Frau, meine Großmutter, starb 1998 im Landkreis Harburg. Vor wenigen Tagen habe ich Original-Dokumente aus Isensees Flettmarer Zeit, aus denen auch die vorgenannten Daten seiner Dienstzeit hervorgehen, dem Kultur- und Heimatverein Müden/ Aller gestiftet mit dem Ansinnen, sie der örtlichen heimatkundlichen Forschung zugänglich zu halten. Darunter befindet sich auch ein Album mit vielen Fotos, die die Neuerrichtung eines Volksschulanbaus in Flettmar im Jahre 1957 abbilden.


– Offenbar hat Sie die Geschichte von Isensee fasziniert – was denn vor allem?

Es ist die Authentizität seiner Aufzeichnungen, die fasziniert. Es sind Quellen erster Ordnung. Tagebuchnotizen, von denen er bei Niederschrift nicht wissen konnte, ob sie ein anderes Auge, meine zumal, je erreichen würden. Er konnte bei Niederschrift nicht einmal wissen, ob er die Gefangenschaft, in der er sich befand, überleben würde und womöglich seine Tagebüchlein mit ihm selbst irgendwo in russischer Erde begraben werden würden. Daher gehe ich davon aus, daß er die Texte in großer Aufrichtigkeit vor sich selbst geschrieben hat, so, als ob es täglich jeweils seine letzte Eintragung gewesen sein könnte. Es liegen damit Aufzeichnungen vor, die von jemandem stammen, der nicht nur über Ereignisse schreibt, sondern sie im Augenblick der Niederschrift unmittelbar selbst erlebt. Ein Zeitzeuge. Die Publikation im Internet bietet 70 Jahre später die Chance, Großvater Isensees Aufzeichnungen sowohl ihrem Inhalt nach zu konservieren als auch der geschichtswissenschaftlichen Forschung, geleistet durch wen und wann auch immer, zugänglich zu machen. Eines kommt hinzu: Da im Zeitablauf immer weniger Menschen in der Lage sind, die deutsche Schreibschrift von damals zu lesen, schien es mir geraten, die Inhalte der Isenseeschen Gefangenschaftsnotizen beizeiten für jedermann lesbar zu erhalten.

 

– Ist der Blog bereits abgeschlossen oder gibt es noch weitere Einträge?

Es wird weitere Einträge geben.

– Blieben bei Ihnen noch Fragen zu Isensee? Gibt es Tagebucheinträge oder Briefe, die Ihnen Rätsel aufgeben?

Ein Wunder war es immer, wenn ein Gefangener die Strapazen überlebte und nach Hause heimkehrte, und damit lag regelmäßig eine Vielzahl unbeantwortbarer Fragen vor. Warum überlebte dieser und ein anderer nicht? Bemerkenswert fand ich in der Gesamtschau seiner Aufzeichnungen den durchgehend versöhnlichen Ton über seine russischen Bewacher und das stete Lob über die Qualität der Verpflegung, die, besonders in den ersten Jahren, zwar knapp, aber gut gewesen sei. Tenor: „Der Russe tut was er kann, wenn es mal nicht klappt, so ist es kein böser Wille, sondern es treten eben Schwierigkeiten auf. Jedenfalls haben wir uns die russ. Gefangenschaft anders vorgestellt.“ (Eintragung vom 18.12.1944.) Diesen versöhnlichen Ton hat er nach meiner Erinnerung auch in späteren Jahren im Gespräch mit mir über die Russen stets angeschlagen. Er hat oft gesagt, die einfache russische Bevölkerung hätte in jenen Jahren schlimmer gehungert als seine Mitgefangenen und er selbst. Allerdings habe ich vieles von dem, was ich seinen Aufzeichnungen im Zuge der Transkriptionsarbeit entnehmen konnte, zu seinen Lebzeiten von ihm nicht erfahren. Darüber hat er in diesen Einzelheiten nie mit mir gesprochen. (Ich war 30, als er starb.) Wenn er gut aufgelegt war, erzählte er mir drei, vier Episoden aus der Gefangenschaft, allerdings von Mal zu Mal wiederkehrend dieselben. Diese drehten sich um feinmechanische Arbeiten, die er während der Gefangenschaft in einer örtlichen Schnapsfabrik ausgeführt hat (er hatte zunächst das Handwerk des Feinmechanikers erlernt, an der Abendschule das Abitur nachgeholt und danach in den 1930er Jahren auf Lehramt studiert) und um seine schwere Lungenerkrankung während der Kriegsgefangenschaft im April/ Mai/ Juni 1945, von der ihn die russischen Lagerärzte geheilt hatten. In der Erinnerungsliteratur anderer deutscher Entlassener aus dem russischen Lager Grjasowez, in dem Großvater Isensee einen großen Teil seiner Gefangenschaft verbracht hat, ist von weitaus schlimmeren Schicksalen die Rede, auch von einer hohen Sterblichkeit im Lazarett. Auch heißt es, Grjasowez sei ein Kriegsgefangenenlager vornehmlich für Offiziere gewesen, in dem die Bedingungen der Gefangenschaft vergleichsweise milde gewesen seien. Isensee erhielt als Offizier (Leutnant) höhere Verpflegungsrationen als die Mannschaften, wie auch aus seinen Aufzeichnungen hervorgeht. Was ihm in der Summe tatsächlich das Überleben unter schwierigsten Umständen ermöglicht hat, ist allerdings eine Frage, die bleibt. Im übrigen sind einige Passagen seiner Texte in einer Stenogrammschrift geschrieben, die ich mangels hinreichender Stenokenntnisse nicht entziffern konnte.

Ende Interviewtext.
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Exkurs: Dokumente einer Lehrerlaufbahn. Post vom Regierungspräsidenten in Lüneburg.

 Ernnenungsurkunde für Otto Isensee vom 24. Februar 1941 zum Lehrer an Volksschulen. „Im Namen des Führers (…) für den Ministerpräsidenten ((des Landes Preußen. Lüneburg liegt bis 1946 in der preußischen Provinz Hannover, gw)) im Auftrage des Reichsministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung der Regierungspräsident“ in Lüneburg, Matthaei. Zu diesem Zeitpunkt dient Isensee ausweislich seines Entnazifizierungsfragebogens vom Juni 1948 als Soldat im Range eines Gefreiten beim Armee-Nachschubbataillon 62.

Das Begleitschreiben zur Ernennungsurkunde vom 24. Februar 1941.

Ernennungsurkunde für Otto Isensee zum Beamten auf Lebenszeit vom 4. März 1942. „Namens des Führers für den Ministerpräsidenten ((des Landes Preußen, gw)) im Auftrage des Reichsministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung der Regierungspräsident“ in Lüneburg. Zu diesem Zeitpunkt dient Isensee ausweislich seines Entnazifizierungsfragebogens vom Juni 1948 als Soldat im Range eines Unteroffiziers beim Armee-Nachschubbataillon 62.

Versetzungsmitteilung des Regierungspräsidenten in Lüneburg an Otto Isensee vom 29. August 1949, betreffend Isensees Versetzung als Lehrer von der Volksschule in Schönewörde an die Volksschule in Flettmar, beide Landkreis Gifhorn, Niedersachsen, Bundesrepublik Deutschland, die zu diesem Zeitpunkt gut drei Monate alt ist. Isensee hat diese Versetzung am 18. Juli desselben Jahres selbst beantragt. Wirksam werden soll sie zum 1. Oktober 1949. Mit Grünstift ist unten links das Datum 9. September 1949 mit einem Ausrufezeichen notiert. Die Bedeutung dieser Notiz ist unklar. Umzugskosten werden Isensee nicht gewährt. Fernsprechnummer und Postscheckkontonummer des Regierungspräsidenten haben sich ausweislich des Briefkopfes seit 1941 nicht geändert und werden sich insoweit mindestens bis zum Januar 1952 nicht ändern.

Am 8. November 1950 bestätigt der Regierungspräsident in Lüneburg dem Lehrer Otto Isensee in Flettmar, daß die auf ihn, Isensee, ausgestellte Ernennungsurkunde zum Beamten auf Lebenszeit vom 4. März 1942 unverändert gültig ist (Urkunde siehe oben). Isensee hatte sich diesbezüglich unter dem 2. Januar 1950 beim Regierungspräsidenten erkundigt. Er hat demnach über 10 Monate auf den oben abgebildeten Bescheid warten müssen.

Begleitschreiben zur Übersendung der Ernennungsurkunde zum Hauptlehrer für Otto Isensee vom 3. Januar 1952. Die Ernennung ist frühestens wirksam ab dem 1. Februar 1952. Es schreibt der Regierungspräsident in Lüneburg. Isensees neue Besoldungsgruppe ist A 4 b 1. Seine Hauptlehrerstelle ist an der Volksschule in Flettmar. Landkreis Gifhorn, Niedersachsen.

Die Ernennungsurkunde vom 3. Januar 1952. „Namens des Niedersächsischen Landesministeriums für den Niedersächsischen Kultusminister der Regierungspräsident in Lüneburg. „

Vermutlich die private Abschrift eines Schreibens, das Isensee am 16. April 1955 dienstweggemäß über seinen Schulrat an den Regierungspräsidenten in Lüneburg sendet. Die Transkription der deutschen Handschrift ist wie folgt:

„Flettmar, den 16.4.1955

Der Leiter der Volksschule in Flettmar

An den
Herrn Regierungspräsidenten in Lüneburg
durch den
Herrn Schulrat des Schulaufsichtskreises Gifhorn-West.

Betr.: Hauptlehrerstelle in Vordorf.
Bezug: Verfügung vom 7.5.55

Auf obige Verfügung berichte ich, daß ich nicht als Hauptlehrer nach Vordorf gehen möchte. Ich kann meinen Kindern, die in Celle die Oberschule besuchen und sich in der 10. bzw. 11. Klasse befinden, keine Umschulung wieder zumuten. Ich bitte daher, mich in Flettmar zu lassen.

Isensee, Hptl. ((Hauptlehrer, gw))“

Isensees Eingabe ist erfolgreich. Er wird nicht versetzt und verbringt seine Dienstzeit als Lehrer bis 1972 an der Volksschule in Flettmar. Nach deren Auflösung 1972 bis zu seiner Pensionierung 1974 ist er Lehrer an der Volksschule in Müden/ Aller, einem unmittelbaren Nachbarort Flettmars.

Urkunde des Regierungspräsidenten in Lüneburg „im Namen des Landes Niedersachsen“ vom 31. Januar 1974, mit der Otto Isensee als Lehrer in den Ruhestand versetzt wird. Vor ihm liegen noch knapp 22 Lebensjahre als Pensionär.

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