Kategorie: krankheit

Heimkehr nach Deutschland. Klein-Bülten. Februar/ März 1948.

Im Februar 1948 kehrt Otto Isensee, der Verfasser der auf diesem Blog veröffentlichten Tagebücher und Kriegsgefangenenpostkarten, aus sowjetrussischer Gefangenschaft nach Deutschland zurück. Er wird in die Landeskrankenanstalt Klein-Bülten bei Peine, zwischen Braunschweig und Hannover gelegen, aufgenommen und verbleibt dort vom 28. Februar bis 18. März 1948.

Oben abgebildet ist sein Ärztlicher Entlassungsbefund, der bescheinigt, daß Isensee wegen Dystrophie und Zustand nach Lungenentzündung stationär behandelt worden ist. Es wird vom Stationsarzt der Landeskrankenanstalt Klein-Bülten eine Erwerbsunfähigkeit von zur Zeit 30 Prozent und eine Wehrdienstbeschädigung (W.D.B.) festgestellt.

Unten abgebildet ist eine Bescheinigung über Teilnahme an der Gemeinschaftsverpflegung der Landeskrankenanstalt Klein-Bülten. Darin wird gebeten, Isensee ab dem 19.3.1948 Lebensmittelkarten auszuhändigen. Bescheinigt wird ferner die Aushändigung einer Raucherkarte bis „Nr. 6“. Seifenkarte wird nicht ausgehändigt. Taschengeld bis zum 31.3.1948. Der Umdruck ist maschinenschriftlich ergänzt um den Text „Gutschein zur Erlangung einer Fahrkarte von Peine nach Schönwörde b. Gifhorn“ ((richtig: Schönewörde, gw)). Gestempelt von der Verwaltung der Landeskrankenanstalt Klein-Bülten.

Die Formulare haben im Original das Format 15 auf 10 cm. Das Papier ist von sehr schlechter Qualität. Die Tintenbeschriftung ist auf die andere Seite durchgeschlagen.

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Tagebuch, zweiter Band. 29. Juli 1945 (Fortsetzung) bis 3. August 1945.

(Linke Seite)

((Fortsetzung vom 29.7.45)) durchs Lager gemacht. Ich bin noch sehr schlapp. Mittags u. abends tue ich immer wieder ((?)) Melde u. Beifuß in die Suppe. Sehr viel! Es schmeckt mir gut. Zu Hause füttern wir die Schweine mit der Melde.

Montag, 30.7.45. Saumäßiges Wetter! Ich habe Zitate aus Don Karlos gelernt. Gestern abend hatte ich schon, da es gestern abend schon Verpflegung für heute gab, einen Teil meines Brotes aufgegessen. Bin aber ganz gut über den Tag gekommen. Meine Milch lasse ich heute mal dick werden. Milchsuppe, Grütz((…?)), Bau((…?))suppe.

Dienstag, 31.7.45. Das Wetter hat aufgeklart. Es ist aber noch kühl. Gestern war große ärztl. Untersuchung vom russ. Arzt. Ich bin vorläufig noch von jegl. ((?)) Arbeit befreit. In den Beinen bin ich noch sehr schlapp. – Ich ziehe mir meinen leeren N((…??))sack ((Stenozeichen)) Wanzen wegen.

(Rechte Seite)

Mittwoch, 1.8.45. In der Nacht hat es geregnet, den Tag ((Stenozeichen)). Nachmittag habe ich 1/2 Std. mit Busch geklönt. Die Suppen sind eben ziemlich dünn. Aus Abfallflachs Bindfaden drehen habe ich heute von Othmer gelernt. Sonst nichts Neues. Ein Herr aus der neuen Quarantäne hat erzählt, daß in der Umgebung von Uelzen schwere Kämpfe gewesen sind. 225g Tabak gab es heute.

Donnerstag, 2..8.45. Sonniges warmes Wetter. Ich habe tüchtig engl. getrieben heute. In meine Suppe habe ich heute Beifuß, Ackerhellerkraut, Melde u. Schafgarbe getan. Es schmeckte vorzüglich. Ich habe 200g Tabak gegen 1000g Brot getauscht. – Morgen wird die O.K-Baracke z.T. geräumt. Herren kommen zu anderen Kg. ((vermutlich: Kriegsgefangenen, gw)). Auch Herr Othmer. Leider!

Freitag, 3.8.45. Nachmittag ((Stenozeichen)). Dann will ((Stenozeichen)) Wäsche machen heute

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Tagebuch, zweiter Band. 26. Juli 1945 bis 29. Juli 1945

(Linke Seite)

Donnerstag, 26.7.45. Das Wetter ist immer noch schlecht. Trüb u. regnerisch. Ich treibe englisch u. lerne Gedichte. – Zeitungsschau vom 12.-22.7.45 gehört. Die Welt glaubt nicht an Hitlers Tod. Er soll sich auf einem deutschen Gut in Patagonien befinden. Über unser Schicksal gehen eben nicht einmal Parolen um. Am 23.7. sind etwa 200 neue Gefangene gekommen. Aus Luz((…?)) u. anderen Lagern. Es sind verschiedene Amputierte dabei.  Ein Herr Rinke aus Wittingen ist dabei ((Wittingen ist eine Stadt ca. 10 km von Schönewörde, Kreis Gifhorn, Deutschland, dem Heimatort des Tagebuchverfassers zur Zeit dieser Niederschrift, gw)). Wir wollen uns nach ihrer Quarantäne mal treffen.

Freitag, 27.7.45. Das Wetter war angenehmer. Ich hatte 2 Suppenschläge einen von Herrn Othmer, der eine Essenmarke hatte. Er nahm den Fisch (?), ich die Suppe. Ich ((…?)) neben ihm gestern

(Rechte Seite)

abend mit Kandler gesprochen. Er ist schon im März 44 gefangen worden. Busch liegt in der Baracke 4 nebenan, er läßt sich gar nicht blicken. Ich tausche ab u. zu nochmal Zucker gegen 200g Brot im Lazarett. – Essen ist ganz gut hier nur mehr müßte es sein. Morgens 200g Weißbrot, 400g Schwarzbrot, 1 Becher Milch. 13.00-14.00 Essen, Graupensuppe mit Fisch oder Fleisch. Abends Milchsuppe mit Fisch oder Fleisch. Heute ist wieder ein Kdo. von 50 Mann rausgegangen. Obstlt. ((Oberstleutnant, gw)) Franke führt es ((vermutlich zum Arbeitseinsatz, gw)). Ich gehe viel barfuß.

Sonnabend, 28.7.45. Das Wetter ist trübe u. kalt. Gestern war ich beim Zahnarzt. Er findet keinen schlechten Zahn, es sollen nur Nerven sein. Das komme nach schweren Krankheiten häufiger vor. Wir haben abends schon Verpflegung empfangen.

Sonntag, 29.7.45.  Das Wetter klarte auf. Es geht wieder ein Kdo. raus. Um 4.30 heute früh war schon Wecken in unserer Baracke. Mit Ritter einen Spazierg.

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Tagebuch, zweiter Band. 22. Juli 1945 bis 25. Juli 1945

(Linke Seite)

Sonntag, 22.7.45. Kühles, trübes, windiges Wetter. Es gab einen tüchtigen Platzregen. – Major Busch habe ich einige Male vorbeischleichen sehen, er schaut gar nicht hoch. – Ich bin ins Bett am Fenster gezogen. – Hirsebrei, Graupen m. Gulasch u. Soße. Milch. Graupen brutal. Eine Portion Graupen, 1/2 Brotportion ((?)) 1 Suppennachschlag u. 1 geschenkten Suppennachschl. zusätzlich heute.

Montag, 23.7.45. Der Himmel ist bedeckt. Heute werde ich entlassen! Am 26.7. wären es 16 Wochen gewesen, daß ich hier liege. ((Im Tagebucheintrag vom 26.6.45 hatte der Verfasser hingegen notiert, daß er am 5.4.45 mit hohem Fieber, Lungenentzündung, ins Lazarett eingeliefert worden sei, gw)). Die Verpflegung wird draußen erheblich schlechter. – Vor allem weil die Nachschläge von den Kameraden wegfallen, sonst wird es mengenmäßig nicht viel ausmachen. Ich komme zunächst in die OK-Baracke. Wie lange ich drin bleibe, weiß ich noch nicht. OK liegt in Baracke 3, es ist dieselbe, aus der ich um Ostern ins Lazarett ging. ((1)) Ritter, Othmer, Baer, Greve u. alle anderen
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Fußnote ((1)): Zum Begriff OK-Baracke findet sich eine Passage bei Kienlin, Hans, Unser Väterle, Autobiographie eines schwäbischen Fabrikanten zwischen zwei Weltkriegen, BoD – Books on Demand, 2010, S. 137f.: „Körperlich kam ich infolge der mangelhaften Verpflegung immer mehr herunter (…), weswegen ich zeitweise o.K., d.h. ohne Kommando, geschrieben wurde, was bedeutete, daß man zu keiner oder nur ganz leichter Arbeit kommandiert werden durfte. Diese Entscheidung mußte aber grundsätzlich von der russischen Ärztin gefällt werden. Dies geschah, wie wir es nannten, wie auf einem Fleischmarkt. Man mußte der Ärztin seine bloßen Arschbacken zeigen, sie kniff hinein und fällte ihr Urteil. (…) War man ganz schlecht dran, kam man in die „o.K.-Baracke“. Man erhielt dann zusätzlich Hefe und sogenannten vitaminreichen Tee. Hierzu mußte man unter Bewachung in den Wald und die ganz jungen Triebe der Tannenspitzen sammeln und im Lager abliefern. Davon wurde dann ein Tee gemacht. Gefährlich wurde es, wenn man von der o.K.-Baracke in die Lazarett-Baracke versetzt wurde, welche aber extra durch einen hohen Zaun innerhalb des Lagers abgetrennt war. Von dort kam selten einer lebend hinaus. (…) Sie sahen aus wie wandelnde Leichname und viel schlimmer, als dies Goebbels in seiner Propaganda in Wort und Bild geschildert hatte. Es gab sehr viel Tuberkulose. (…)“ Auf S. 147 desselben Bandes wird deutlich, daß Kienlin vorliegend über das gleiche Lager berichtet wie der Tagebuchverfasser, nämlich Grjasowez im Rayon Wologda! (Der Lagername Grjasowez taucht in den Tagebuchaufzeichnungen zwar nicht auf, ist mir aber aus persönlichen Erzählungen des Tagebuchverfassers bekannt, gw). Kienlin schreibt zuvor sehr ausführlich über die Verhältnisse im Lager. Speziell zur Verpflegung heißt es dort (S. 131f.): „Morgens und abends gab es Tee, mittags Eintopf mit viel Fleisch und dann vielfach Innereien, da diese letztere der Russe nicht ißt. Mengenmäßig alles viel zu wenig. Schlechte Essensverwerter mußten also herunterkommen. Die Unteroffiziere und Mannschaften, von denen noch eine ganze Anzahl im Lager lebten ((Grjasowez war ein Lager für gefangene Offiziere, gw)), erhielten noch weniger (…). Wir waren von der deutschen Armee etwas anderes gewohnt und beantragten, daß Offiziere und Mannschaften gleichgestellt werden sollten, d.h. daß unser Mehr gleichmäßig auf alle Lagerinsassen verteilt werden möge. Der Russe lehnte das ab. Offizier ist Offizier und Mann ist Mann. Wahrscheinlich hat er bewußt Gegensätze schaffen wollen. (…)“ Ferner notiert Kienlin zu den vom Tagebuchverfasser auf diesen hier wiedergegebenen Seiten immer wieder erwähnten Tauschgeschäften unter Gefangenen: „Diese Tauschgeschäfte waren aber vom Russen strengstens verboten, und man durfte sich nicht erwischen lassen. Außerdem wurden beide Teile bestraft.“ (S. 140). Bemerkenswert ist insoweit, daß der Tagebuchverfasser Isensee auf eine besonders schlimme Lage der Gefangenen im Lazarett mit keinem Wort hinweist und auch die Gefahr, die laut Kienlin für die Gefangenen bei Tätigung von Tauschgeschäften bestand, nicht erwähnt. Als Grund für diese Differenz sind einerseits unterschiedliche Wahrnehmungen denkbar, natürlich andererseits auch der Umstand, daß der Tagebuchverfasser sich offenbar gezwungen sah, mit dem Papier streng zu haushalten, und schließlich der Umstand, daß es sich um private Tagebuchaufzeichnungen handelte, von denen wir nicht wissen, welchen Zweck der Tagebuchverfasser ihnen am Ende zugedacht hatte. Kienlin hat seine Erinnerungen für Veröffentlichungszwecke niedergeschrieben; was Isensee mit seinen Aufzeichnungen vorhatte, wissen wir nicht. Wahrscheinlich hat Isensee vieles aus Platzmangel gar nicht erst notiert, was für ihn im Lageralltag sowieso selbstverständlich war. An dieser Stelle verdient übrigens auch die Frage Beachtung, ob den Lagerinsassen das Führen eines privaten Tagebuchs verboten war. Das sehr kleine Format der gebundenen Blätter, auf denen die Aufzeichnungen des Tagebuchverfassers notiert sind, legt die Vermutung nahe, daß er sie gut versteckt halten wollte, vermutlich in einem gut gedeckten Winkel seiner Kleidung. Andererseits sollte es sehr erstaunen, wenn die kontinuierlichen Aufzeichnungen, die wir hier sehen, immer in großer Heimlichkeit gefertigt und monatelang erfolgreich vor Entdeckung verborgen gehalten werden konnten. Es ist, wenn man von einem Verbot ausgeht, zu bedenken, daß beim Schreiben stets die Gefahr zufälliger Beobachtung durch Lageraufsichtspersonal oder der Denunziation durch Kameraden drohte. Das bedeutet entweder, daß Tagebuchverfasser Isensee dieses Risiko des Tagebuchschreibens und -besitzens mit Recht gut zu beherrschen glaubte, oder aber, daß dieses Risiko schlicht nicht bestand, also Tagebuchaufzeichnungen tatsächlich erlaubt waren. Jedenfalls sah sich Isensee veranlaßt, besonders im zweiten Band, bestimmte Passagen seiner Aufzeichnungen nicht in deutscher Schreibschrift, sondern in Stenoschrift festzuhalten. Waren dieses besonders heikle Stellen, die er für den Fall der Entdeckung extra verschleiert haben wollte? Oder wollte er beim Schreiben lediglich Platz sparen? Eva Berthold gibt in ihrem Buch „Kriegsgefangene im Osten – Bilder – Briefe – Berichte“, Königstein 1981, S. 50, den Bericht des Kriegsgefangenen Max Hornig wieder: „Das Lager 7150 ((Grjasowez, gw)) war und blieb dank relativ guter Organisation seitens deutscher und auch russischer Lagerführung und dank der günstigen Gemischtbelegung – überwiegend junge Offiziere, Subalternoffiziere bis einschließlich Hauptmann, eine Anzahl von Stabsoffizieren ((etwa der von Isensee erwähnte Major Busch, gw)) und wenige Mannschaften und Unteroffizieren – wohl eines der am humansten geführten Lager der über 3000 Lager in der Sowjetunion (…)“.

(Rechte Seite)

Bekannte sind noch drin. Um 6.30 ist Wecken, dann Freiübungen ((gemeint sind gymnastische Übungen, die der Tagebuchverfasser übrigens bis ins hohe Alter betrieben hat, gw)), 8.00 Frühstück, 9.00 Milch, einen Becher voll. 13.00 Essen, 19.00 Abendessen. Aber Wanzen sind hier, ganz unheimlich! Wie ein Ameisenhaufen krabbelte mein Kopfkissen. Graupen, Graupen m. Soße u. Bulette, Grießmilchsuppe, Graupen m. Fischgulasch. Das war ((Stenozeichen)) Laz. Essen ((wohl: Lazarett-Essen, gw)).

Dienstag, 24.7.45. Es regnete heute viel, das Gehen fällt mir noch schwer. Ich habe mir heute einen Vortrag über Bauwesen angehört, ganz interessant. Mit mit ((sic)) dem Essen kam ich ganz gut hin. –  Trotz der Kürze der Jahreszeit – am 1. Juni ging der letzte Schnee weg – kommt die Vegetation zu ihrem Recht. Das macht aber die Länge der Tage. Es ((Stenozeichen)). Sonnenuntergang u. -aufgang liegen nahe ((Stenozeichen)).

Mittwoch, 25.7.45. Es regnete ((Stenozeichen)). Lagestr. (vermutlich Lagerstraße, gw)) ((Stenozeichen)). Heute ((Stenozeichen, enthaltend vermutlich das Wort „Vortrag“, gw)) Vermessungswesen ((Stenozeichen)). Nachmittags Lesung Puschkin „Der Schuß“ u. „Schneest“ ((wohl „Der Schneesturm“, gw)).

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Tagebuch, zweiter Band. 18. Juli 1945 bis 21. Juli 1945

(Linke Seite)

Mittwoch, 18.7.45. Der Himmel ist stark bewölkt. Die Sonne ((Stenozeichen)). Mit welcher Sehnsucht denkt man ((Stenozeichen))! Jeden Morgen sehe ich meine Bilder ((Stenozeichen)) ((gemeint sind wohl private Fotos von zuhause, gw)). Ich habe heute meine 600g Brot + 100g Tabak bekommen. Nun tausche ich seit gestern Zuckerration gegen 200g Brot. Heute habe ich außerdem ((…?)) für meine Butterportion eingetauscht. Heute 2 H((…?))stücke ((Stenozeichen)). 2 Graupen m. Bratfischschläge ((?)) – Hirsebrei. (sehr dick). Graupen m. Bratfisch. Hirsemilchsuppe. Graupen brutal. (Ich hatte noch eine 2. Portion).

Donnerstag, 19.7.45. Heute sind wir 9 Monate in Gefangenschaft. Meine Armwunde ist heil, ist heute nicht mehr verbunden. Ich lerne fleißig Gedichte u. engl. Vokabeln. Lese Zola, Germinal. Ob ich heute entlassen werde? ((gemeint ist: aus dem Lazarett, gw)).

(Rechte Seite)

Graupen. Graupen m. Gulasch (reichlich). Milch. Grießbrei. Ich hatte einen Gulaschnachschlag. Keine Neuigkeiten.

Freitag, 20.7.45. Sonniges, warmes Wetter. – Hirsebrei. Reis, Bulette u. Soße, Milch. Graupen brutal. Keine Neuigkeiten, keine Parolen. Wir warten auf den Abschluß der Konferenz der Großen Drei ((gemeint ist die Konferenz von Potsdam-Cecilienhof, die vom 17.7. bis zum 2.8.45 dauerte, gw)). Morgen rechne ich bestimmt mit meiner Entlassung ((gemeint ist: aus dem Lazarett, gw)).

Sonnabend, 21.7.45. Schönes, heißes Wetter. Ich bin immer noch im Lazarett! Gottfried Richter ist heute entlassen. ((ein Kamerad, mit dem der Tagebuchverfasser ausweislich früherer Einträge im Lazarett wohl viel Zeit verbracht hat. Nach Auskunft des Sohnes des Tagebuchverfassers hat dieser mit Gottfried Richter noch Kontakt unterhalten, nachdem beide längst in die deutsche Heimat zurückgekehrt waren, gw)) Vor dem Hause hier sind anheimelnde Blumenbeete angelegt, Fuchsschwanz, Mohn u. Goldlack sind gepflanzt. Jahrgang 05 u. älter soll demnächst heimbefördert werden ((Der Tagebuchverfasser war Jahrgang 1908; ihn betraf diese Information also nicht, gw)). – Hirsebrei, Gulasch m. Soße u. Graupen; Hirsemilchsuppe. Graupen m. Soße u. Bratfisch. (Sehr gut).

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Tagebuch, zweiter Band. 14. Juli 1945 bis 17. Juli 1945

(Linke Seite)

Sonnabend, 14.7.45. Reis, Hirse m. Gulasch u. Soße, Milch, Hirsebrei. Sonniges, kühles Wetter. Morgen soll Trumann in Antwerpen ankommen. – Keine neuen Parolen. – Eduard Spranger((1)) ist Vorsitzender eines Kultursenates((?)). – Ich gehe sehr viel raus u. trainiere Beine u. Füße.
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Fußnote ((1)): Gemeint ist wohl Eduard Spranger (1882-1963), Pädagoge, Philosoph und Psychologe, der dem Tagebuchverfasser wahrscheinlich aus seinem Lehramtsstudium bekannt war. Spranger leitete nach Kriegsende 1945 kurzzeitig und kommissarisch als Rektor die Humboldt-Universität zu Berlin.

Sonntag, 15.7.45. Ein schöner Sonntag morgen. O wären wir wir ((sic)) zu Hause. Wir setzen große Hoffnungen auf die Zusammenkunft der Drei. – Graupen, Graupen m. Soße u. Braten! Hirse-Milchsuppe Haferbrot. Morgen werde ich wohl entlassen werden ((aus dem Lazarett, gw)). – Busch habe ich noch nicht wieder gesprochen. Heute habe ich von Herrn Horstmann engl. Vokabeln abgeschrieben, die pauke ich jetzt.

(Rechte Seite)

Montag, 16.7.45. Es ist warmes wolkiges Wetter. Da bin ich heute doch noch nicht entlassen! Meine Armwunde ist fast zu. – Hirsebrei, Graupen m. Soße u. Bulette, ganz ausgezeichnet. Grieß-Milchsuppe, Hirsebrei m. Fischgulasch, davon hatte ich einen Nachschlag! Ein ausgezeichneter Tag heute. – Die 3 Großen sollen in Berlin-Köpenick, Wendenschloß ((1)) zusammenkommen.
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Fußnote ((1)) Wendenschloß ist eine Ortslage des Berliner Ortsteils Köpenick. Dort, in der Niebergallstraße 20, wurde am 5.6.45 die „Berliner Erklärung“ der vier Oberbefehlshaber der alliierten Besatzungsmächte unterzeichnet. Darin wird die Niederlage des faschistischen Deutschlands und die Übernahme der Regierungsgewalt erklärt, nachdem die „Geschäftsführende Reichsregierung“ unter Dönitz und von Krosigk am 23.5.45 in Flensburg-Mürwik verhaftet worden war. Die sog. Großen Drei (Churchill, später Attlee, GB; Truman, USA; Stalin, SU) trafen sich tatsächlich aber nicht in Wendenschloß, sondern im Potsdamer Schloß Cecilienhof, vom 17.7. bis 2.8.45. Frankreich als vierte Siegermacht war an der Konferenz nicht beteiligt. Hier heißt es, daß ursprüngliche Planungen Berlin als Tagungsort vorgesehen hätten, diese aber wegen der schweren Kriegsschäden, die in Berlin gegeben waren, verworfen worden seien.  Möglicherweise beruht die vom Tagebuchverfasser wiedergegebene Information zu Wendenschloß auf diesem alten Planungsstand.

Dienstag, 17.7.45. Ich habe von einem Herrn Gedichte abgeschrieben u. lerne sie nun auswendig. (Storm, Goethe, Mörike, Eichendorff). Auch engl. Vokabeln lerne ich fleißig. Ob ich heute wohl entlassen werde? Nein es geht noch nicht an.- Hirsebrei, Graupen m. Fischbulette u. Soße. Milch, Reisbrei. – Bis zur Oder soll deutsches Gebiet an Polen abgetreten werden!

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Tagebuch, zweiter Band. 11. Juli 1945 bis 13. Juli 1945

(Linke Seite)

Mittwoch, 11.7.45. Ich hätte gestern entlassen werden sollen, mal sehen, wann es nun angeht. Gestern hörte ich von einem Herrn Gorschmann ((?)), Keksfabrikant aus Schneverdingen ((vermutlich Lüneburger Heide, gw)), daß ein Major Busch aus der Nähe von Knesebeck ((Ein Ort, der etwa 5 km von Schönewörde entfernt liegt, Landkreis Gifhorn, Deutschland, dem Heimatort des Tagebuchverfassers zur Zeit dieser Niederschrift, gw)) hier im Lager sei. Ich muß nun feststellen, ob es Busch aus Vorhop ((Nachbarort von Schönewörde, 2 km entfernt, zwischen Schönewörde und Knesebeck gelegen, gw)) ist. – Hirsebrei, Graupen m. Fischgulasch, Milch, Grießbrei. Busch habe ich nicht getroffen heute. Ich hätte gestern entlassen werden sollen. Parole: Im August sollen die ersten Transporte nach Hause gehen.

Donnerstag, 12.7.45. Busch aus Vorhop ist hier! Heute habe ich mit ihm gesprochen. Er ist schon im Juli 1944 bei Dünaburg in Gefangenschaft gekommen. Außerdem traf

(Rechte Seite)

ich heute den Herrn Kandler, wir waren zusammen in Hannover auf der Waffenschule. Er hatte aber keine Zeit zu längerer Unterhaltung. – Hirsebrei, Reis m. Gulasch u. Soße, gr. S((?))t, Hirse, Milchs., Graupen. – Wetter ist sehr schön.

Freitag, 13.7.45. Es gehen sehr viel ((Stenozeichen)) heraus. Alles wird zur Arbeit eingesetzt. An Nachrichten gibt es eben nichts Neues. Wir warten auf die Zusammenkunft Churchill-Trumann-Stalin. Da muß die Gefangenenfrage ja angeschnitten werden. In Amerika scheint neuer Kurs zu kommen. Morgentau, Hopkins, Stettinus ((1)) sind ausgebotet. Trumann ist am 7.7.45 aus ((?))york abgefahren. – Haferbrei, Graupen, Gulasch u. Soße. Grießmilchsuppe, Graupen mit Fischgulasch. Ein sehr guter Speisezettel heute. – Das Wetter sonnig aber kühler.

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Fußnote ((1)): Gemeint ist wohl Edward Stettinius jr. (1900-1949), US-Außenminister von 1944 bis 1945. Hier ist nachzulesen, daß er von Präsident Harry S. Truman zum Rücktritt veranlaßt wurde, was der Tagebuchverfasser mit „ausgebootet“ meinen könnte. Nach seinem Rücktritt bis zu seinem Tod war Stettinius Präsident der Universität des US-Bundesstaates Virginia.

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