Kategorie: lageralltag

Tagebuch, zweiter Band. Juni 1945 bis November 1945. Umschlagseite.

Beschriftung: „25. Juni 1945“ ((Beginndatum der Eintragungen in diesem Band)). „3E, 1A, 5R, 1F“ ((Buchstaben-Zahlen-Kombinationen unbekannter Bedeutung)). „Tagebuch“ ((unterstrichen)). Unten rechts: „Isensee“, der Nachname des Verfassers.

Der Band besteht aus beschnittenem Formularpapier mit russischer Beschriftung. Die kleinen Bögen sind mittels eines schwarzen Wollfadens gebunden. Die Beschriftung durch den Verfasser erfolgte mit Bleistift oder Kopierstift (unklar). Die hier im folgenden in digitaler Datei wiedergegebenen Seiten sind mithilfe digitaler Bildbearbeitung in ihrer Lesbarkeit verbessert worden, wodurch der Charakter der originalen Bleistift-Schrift nicht mehr erkennbar ist. Die Schrift ist nach dem optischen Eindruck auf den Originalseiten deutlich blasser.

Tagebuch, Band Januar 1945 bis Juni 1945, letzter Eintrag: 24. Juni 1945 (3. Fortsetzung und Schluß).

(Linke Seite).

(Dritte und letzte Fortsetzung des Eintrags vom 24.6.45)

Alle Offz. sind in Arbeits-K. ((vermutlich: Arbeitskommandos, gw)) eingeteilt u. alle arbeiten freiwillig. Ich werde wieder zur Flachsfabrik gehen. Als ich krank wurde, wollte ich gerade anfangen. – Ein Ei kostet 5 Rubel. 3 Eier 1 St. Seife. 10 Eier 200g Tabak. Ich habe immer 100g Tabak gegen 400g Brot getauscht. – Meine Individualkost bin ich ab heute 24.6. wieder los. Schade! – Am 22.5. hatten wir „Wunschkonzert“ hier im Lager. Es war sehr schön. „La Folia“ von Corelli, „Kleine Nachtmusik“ von Mozart. Ist das schön, so etwas zu hören.

(Rechte Seite ist unbeschriftet).

((Hier enden die Eintragungen dieses Tagebuchbandes))

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Tagebuch, Band Januar 1945 bis Juni 1945: 31. März bis 03. April 1945.

(Linke Seite).

Sonnabend, 31.3.45. ((…?)nach leichter Frost. Vormittag fing es an zu regnen. Ich war wieder zum Kartoffelschälen u. dann zu einem Vortrag über „Obst u. Gemüsebau“. Es wurde über Wein- u. Likörherstellung gesprochen. Ebenso über Parasiten((…?))ung. Abends wurde zum Abschluß des Zyklus „Frau Regel ((…?)) von Keller gelesen. Es steckt viel pädag. Weisheit drin.

Sonntag, Ostern, 1.4.45. Es taut immer noch! Schnee geht stark zusammen. Der Osterstollen, den es gestern abend schon gab, war ausgezeichnet! Ich habe ihn heute morgen am Tisch, auf den ich meinen weißen Bettbezug gelegt hatte, verspeist. Es gab Kaffee dazu. Mittag habe ich meine morgige Brotportion schon verzehrt, da muß ich morgen dafür hungern. Zu Mittag gab es eine Nudelsuppe u. Gulasch mit Kartoffelbrei! Ausgezeichnet!!  – Vormittag war ich zum Gottesdienst. – Paderborn u. Mirtzlar ((?)) sind gefallen. Die Alliierten stehen vor Kassel u. Münster i.W.. Wir glauben alle, daß der Krieg im April zu Ende geht. – Wir haben in

(Rechte Seite).

den letzten Tagen gute Molkereibutter bekommen. Nachmittag ist blanker Sonnenschein. Ich denke viel an Hause. Nachmittag war in der Speisehalle Konzert. Sehr schön! Man muß staunen, was ohne alle Mittel geleistet wird, ohne Unterlagen. „Die deutsche Messe“ von Schubert, BdO-Chor.
Corelli, Abt, Puccini, Wagner, Weber, „Jägerchor“. Abends war noch eine 1/2 Stunde „Besinnliches und Heiteres“, ganz lustig war es. – Ja, wie mögen sie Ostern zu Hause verlebt haben? Ob sie alle gesund sind? Der Krieg muß ja nun bald zu Ende gehen.

Ostermontag, 2.4.45. Leichter Frost, es schneit etwas. Einem Kameraden sind heute nacht 600g Brot geklaut worden. Mittag bekam ich einen Suppennachschlag. Es war die beste Suppe, die wir hier je bekommen haben! Nudelsuppe, da habe ich das Brot nicht entbehrt. – Ich bin elend. Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Lungenstiche. Ich will mal abwarten! – Wattebekleidung und einen Drillichanzug habe ich bekommen, jetzt liege ich fabelhaft ((…?))uch.

Dienstag, 3.4.45. Es regnet u. ist sehr warm, das Wetter macht krank. Ich war noch nicht

Tagebuch, Band Januar 1945 bis Juni 1945: 27. März (Fortsetzung) bis 30. März 1945.

(Linke Seite).

(Fortsetzung des Eintrags vom 27.3.45.)

Die milit. Nachrichten besagen, daß Karlsruhe eingenommen ist, ebenso Offenbach/ M.. Der Abendvortrag „Musische Erziehung“ war ausgezeichnet! Es war wie eine Vorlesung. Wie habe ich es bedauert, daß ich mit Klaus und Uta ((die Kinder des Tagebuchverfassers, geboren 1937 und 1939, gw)) nicht gleich musische Erziehung beginnen kann.

Mittwoch, 28.3.45. Es ist saukalt, -32° sollen vor der Küche gemessen sein! Trotzdem in der Sonne ist es an windgeschützten Stellen warm. – Heute habe ich mich beim BdO eingetragen. – Rumänen, Italiener u. Ungarn sind heute weggekommen, wahrscheinlich in ein eigenes Lager. – Eine neue Platzbelegung in den Baracken erfolgt. – Ich denke soviel nach Hause! – Heute hab es 250g Wbr. u. 350g Schwbr. Ostern soll Gulasch m. Salzkartoffeln geben. – Zahnbürste u. Zahnpulver habe ich heute gekauft. 5 Rubel u. 2.5 Rubel. Der Vortrag „Die Familie in der deutschen Dichtung“ war ausgezeichnet. Ich habe dabei unsere ganze 9jährige Ehe nochmal durchgelebt. Vor allem die Geburt u. das Wachsen der Kinderlein. Der Vortrag hat mich innerlich sehr gepackt.

Donnerstag, 29.3.45. Es ist wärmer geworden. Heute morgen war leichter Schneefall, jetzt taut esm auch ohne Sonne. – Karfreitag u. Ostern sind arbeitsfrei, d.h. keine Außenkommandos. Gestern ist die Umbelegung innerhalb der

(Rechte Seite)

Baracke erfolgt, nun spricht man schon wieder von einer Verlegung aus der Baracke heraus. – Heute sind die letzten 100g Brot abgezogen, es gab nur Schwbr.. Ich habe immer einen mächtigen Hunger, werde nie satt. Vor Hunger rauche ich schon die Pfeife. Das Essen ist ja gut, aber nur zu wenig. – Im Westen kommen die Gegner schnell vorwärts, wir rechnen damit, daß im Mai der Krieg zu Ende geht. Der Vortrag „Die Familie im Spiegel der bildenden Kunst“ war hervorragend!

Freitag, 30.3.45. Heute ist Karfreitag! Wie sehr denke ich nach Hause! Die Westfront soll auf 400 km Breite zusammengebrochen sein. Gelsenkirchen ist genommen. Die Alliierten stehen 25 km vor Münster. – Heute morgen war ich wieder zum Kartoffelnschälen. – Es ist ohne Sonne ausgesprochen Tauwetter, der Schnee sackt sehr zusammen. – Heute soll die Baracke geräumt werden. – Wir bekamen heute gleich Brot für morgen mit. Wir nehmen an, daß der BdO bald nach dem Waffenstillstand aus der Gefangenschaft entlassen wird. – Heute habe ich mich als Mechaniker für die Flachsfabrik gemeldet. Ich soll so schnell wie möglich anfangen. Die Bekleidungsfrage habe ich geregelt. – Nachmittag war ich zu einer litig.((?)) Feier.

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Tagebuch, Band Januar 1945 bis Juni 1945: 15. März (Fortsetzung) bis 19. März 1945.

(Linke Seite).
(Fortsetzung des Eintrags vom 15.3.45).

Nachmittag hatten wir nochmal einen Vortrag „Jagderlebnisse“ ganz interessant. Abends war ein ((?…)it Vortrag über das Manifest des B.d.O.. Ich werde in den nächsten Tagen eintreten. Gestern war noch den ganzen Tag Tauwetter. – Wir befinden uns 460 km nordostw. Moskaus, 360 km von Leningrad an der Bahnstrecke Moskau-Leningrad. Wie das Nest heißt, weiß ich nicht.

Freitag, 16.3.45. Heute vor 9 Jahren habe ich in Kiel Examen gemacht. ((Es war ein Examen für das Lehramt an Schulen, gw)). Ja, das waren noch „Hochzeiten“. Geschlafen habe ich noch gut diese Nacht. – Für den Osterkuchen werden 180g Butter, 120g Zucker u. 600g Brot einbehalten. Gestern haben wir Pritschen gesäubert, da kamen Wanzen zum Vorschein! Gestern war ein Vortrag „Rassenkunde, Vererbungslehre u. nationals. Weltanschauung“. Ich habe heute meine Wickelgamaschen fertig gemacht. Sie wärmen prima. Heute hat die 8. Gr. Barackenwache. Der Vortrag abends „Deutsche Landschafts

(Rechte Seite).

bilder war sehr interessant. Es hat wieder leichten Frost gegeben. Die Qualität des Essens ist sehr gut, die Quantität läßt zu wünschen übrig. Ich habe den ganzen Tag Hunger.

Sonnabend, 17.3.45. Schneegestöber von feuchtem Schnee empfing mich heute draußen. Nachmittag hörte es auf, es scheint wieder Tauwetter zu geben. – Die Baracke 9 ((Folge von Stenozeichen)) geheizt, ((Folge von Stenozeichen)) Tag im Pullover. Als Abschluß unseres Zyklus folgt heute abend noch eine Löns-Lesung. Ich trage mich mit dem Gedanken, in der Flachsfabrik als Schlosser zu arbeiten. Es gibt außer außer unserer Verpflegung dort eine Suppe u. 200g Schwarzbrot. Ich muß aber erst BdO-Mitglied werden. – Sonnabendnachmittag, wie schön wäre es da zu Hause!

Sonntag, 18.3.45. Es ist ziemlich kalt draußen. Die 2. u. letzte Butterportion wurde abgezogen für den Osterstollen. Die Fischsuppe heute mittag war tadellos, auch der Haferbrei. Vormittag Spaziergang, nachmittag 1/2 St. Schnee geschaufelt. Ich lese eben den Faust, von einem Kameraden geliehen! Abends ein sehr interessanter Vortrag: „Tschangkaitschek baut einen neuen Staat“, gehalten von einem Herrn der Ostasien-Abt. des Ausw. Amtes.

Montag, 19.3.45. Es ist gleich kaltes Wetter. Von 7.00 – 9.00 Kartoffeln geschält. 38 Mann

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Tagebuch, Band Januar 1945 bis Juni 1945: 12. März (Fortsetzung) bis 15. März 1945.

(Linke Seite).

(Fortsetzung des Tagebucheintrags vom 12.3.45.)

einwandfrei. Gestern war Gesundheitsbesichtigung. Wer mager ist u. schlecht aussieht, kommt ins Lazarett zur Erholung. Jeder Tag ist ein obligat. Spaziergang angesetzt. Heute wurde die Baracke mit Chlor gespritzt. – Für einen Osterkuchen werden eben 2 Butterportionen, Weißbrot u. Zucker einbehalten. – Die milit. Meldungen lassen auf ein baldiges Kriegsende schließen! – Heute nachmittag war ein Vortrag über „Der Eid“ von einem Pastor (Lt.) gehalten. Diese Aufklärung veranlaßt mich weiterhin dem B.d.O. beizutreten.

Dienstag, 13.3.45. Am 11.3. ist Hpt. Rautenberg hier im Lazarett gestorben. Er hat im Waggon Lungenentzündung bekommen. – Die Löns-Lesung gestern abend war sehr schön. – Ich habe wieder starken Durchfall gehabt heute nacht. Meine Schienbeine machen mir keine Beschwerden mehr. Ein Glück! – Die Tage fließen langsam dahin, ich denke viel an meine Lieben u. die geliebte Heimat, über die nun so furchtbares Elend kommt. – 15.30 brachte unser Trio Schatzkästlein eine lustige Stunde, da wir noch beim Essen war. Bri((…?)) – schwäbischer Humor war die Stunde betitelt. Chor u. Trio waren wieder

(Rechte Seite.)

ausgezeichnet. Meine Zehe ist fast heil, ich war beim Arzt heute. Abends gab es „Auf Hirsch- u. Gamsjagd im deutschen Hochgebirge“. Mit viel Jägerlatein lustig  ((…?)).

Mittwoch, 14.3.45. Draußen ist Föhnstimmung, im Vorraum taut es. Der Frühling ist sicher aber noch weit. Ich habe gut geschlafen. Gestern abend hatte ich einen Nachschlag in Erbsensuppe, ausgezeichnet. In der Baracke toben nachts viel Ratten. Ich habe einen kleinen Schnupfen. Vormittag ein Vortrag „Staatsformen“, er brachte nicht viel Neues! – Ich nähe Beutel u. Beutelchen für meine Sachen. Heute gab es Seife u. 100g Tabak. Es ist tadellose Toiletten-Seife. Immer wenn ich dieses Buch ausfülle, beschaue ich hinterher täglich meine Aufnahme((n)) von zu Hause, die mir Gott sei Dank geblieben sind. Dadurch bleibt in mir alles so lebendig. Was mag unsere Mutter u. unsere Mutti wohl denken? – Nachmittag hatten wir einen Vortrag in der Reihe „Durch deutschen Wald u. deutsche Flur“. „Jagderlebnisse im deutschen Mittelgebirge“ (Westerwald, Taunus, Hunsrück). Er war ausgezeichent.

Donnerstag, 15.3.45. Das Tauwetter hat den ganzen Tag gestern angehalten. Man atmet auf! Heute morgen steigt ein herrlicher Sonnentag herauf, wir haben nur leichten Frost. Ich habe Freiübungen gemacht heute morgen.

Tagebuch, Band Januar 1945 bis Juni 1945: 9. März (Fortsetzung) bis 12. März 1945.

(Linke Seite).

Fortsetzung des Eintrags vom 9.3.45.

Quarantäne aber noch nicht teilnehmen können. Gestern nachmittag war wieder Entlausung. Bei der Lauseuntersuchung, die 10 Tage((?)) lang stattfindet, waren bei 2 Auskündern ((?)) Läuse gefunden worden. WB, Schb, Butterschmalz 30g, Bauerns., Erbsen-Käse, Kohl-Kartoffelsalat.

Sonnabend, 10.3.45. Prachtvolles, kaltes, sonniges Winterwetter. Ich denke viel nach Hause. Der Krieg geht wohl seinem Ende entgegen. Milit. Nachrichten werden jeden Tag bekannt gegeben. Stalp u. Belgard sind gefallen, im Westen Köln. Gestern war ein naturw. Vortrag über den Mond. Gestern abend ein Abend deutscher Dichtung, ein Balladenabend. Ganz vorzüglich war letzterer! „Der Totspieler“, „Die Kraniche des Ibykus“, „Archibald Douglas“ usw. wurden tief empfunden vorgetragen. Heute morgen sprach Obstabsarzt Dr Schöne vom B.d.O. über „Nachkriegsprobleme“. Er sprach ganz ausgezeichnet. Hatte gute Ideen. Ich bin jetzt innerlich bereit, dem Bund beizutreten. Sein Vortrag war ein Lichtblick in unsere schwere Zukunft, die er allerdings nicht rosig malte. Gestern habe ich eine Nähnadel gegen 600g Schwarzbrot getauscht. Essen wie immer.

(Rechte Seite).

Sonntag, 11.3.45. Ein sonniger Wintertag ging in Schneetreiben über. Ich habe einen regelrechten Durchfall, wahrscheinlich zuviel Wasser getrunken. – Die kulturelle Betreuung ist ausgezeichnet!  Gestern war ein Vortrag über „Gebirgsbildung“. – Ich hatte gestern Türposten, heute Reinigungsdienst. Gestern u. heute bin ich gut satt geworden. Die 600g Brot für die Nadel haben geholfen. – Nachmittag ist evgl. Gottesdienst u. um  … kathol. Messe. Der Gottesdienst hat mit nicht gefallen.

Montag, 12.3.45. Gleichbleibendes Winterwetter. – Mein Durchfall ist vorüber. Gestern abend begann ein Zyklus „Durch deutschen Wald u. deutsche Flur“. Als erstes Thema „Hermann Löns“. Ein ausgezeichneter Vortrag. Heute abend wird aus Werken von Löns gelesen. – Die ärztl. u. hygienische Betreuung ist

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