Kategorie: Malerei

The fundamental things apply …

… as time goes by. Braune Farbe wird durch Alterung vom Holz geschält, auf das sie vor nicht allzu langer Zeit (was sind zehn, zwanzig, vierzig Jahre?) aufgestrichen worden war.

Brown color is, due to aging, being peeled from a wooden board on which it had been painted upon a time not too long ago (what are ten, twenty, forty years?).

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Ein seltsames Kaiserauge.

Im Kommandeursflügel der Marineschule Mürwik, Flensburg, an der östlichen Stirnseite des Säulenganges, rechts der Tür des Kommandeur-Dienstzimmers, hängt ein Gemälde des Malers Adolph Behrens, ausweislich des Signums unten links geschaffen im letzten Vorkriegsjahr 1913. Es zeigt den letzten deutschen Kaiser, Friedrich Wilhelm Viktor Albert von Preußen aus dem Hause Hohenzollern, der im Jahre 1888 als Wilhelm II. im Alter von 29 Jahren den Thron bestieg und im letzten Kriegsjahr 1918 abdankte. Er starb im dritten Kriegsjahr 1941 in Haus Doorn, seinem von ihm gekauften Herrenhaus im niederländischen Exil, woselbst er sich seit dem Jahr seiner Abdankung aufhielt und das er für den Rest seines Lebens nicht mehr verließ. Den 30 Jahren seines Lebens als Kaiser des Deutschen Reiches stehen mithin 23 Jahre im Exil gegenüber.

Das Bild zeigt den Kaiser in der Uniform eines Großadmirals der kaiserlichen Kriegsmarine, also des höchsten militärischen Ranges, den die Marine damals zu vergeben hatte. (Er entspricht dem des Generalfeldmarschalls im kaiserlichen Heer.) Der Rang ist abzulesen an dem einen breiten und den vier schmalen Ärmelstreifen darüber, Ärmelstreifen, die bis heute in der Marine „Kolbenringe“ genannt werden. Je mehr Kolbenringe, desto höher der Rang. In seiner Rechten hält er ein Fernrohr, rot, mit in Gold ausgeführten rautenförmigen und ankerförmigen Ornamenten. In der anderen Hand hat er weiße Uniformhandschuhe.

Über die Geschichte des Bildes, darüber, ob es immer an dieser Stelle gehangen hat oder im Laufe der bis heute 100 Jahre seiner Existenz auch an anderer Stelle, ist mir nichts bekannt. Die Marineschule Mürwik wurde im Jahr 1910 durch Wilhelm II., den Dargestellten also, ihrer Bestimmung übergeben. Gut möglich, daß Behrens das Bild eigens für die Wand der Marineschule geschaffen hat und daß es seit damals an genau derselben Stelle hängt.

Das Bild kaschiert eine Behinderung, die Wilhelm II. zeit seines Lebens tragen mußte. Sein linker Arm war durch ein Mißgeschick, das während seiner Geburt eintrat, im Wachstum behindert und lebenslang immer kürzer als der rechte gewesen. Diesen Umstand hat der Maler vorliegend nicht berücksichtigt; hier sind beide Arme gleich lang dargestellt.

Die Kimm, die Horizontlinie des Meeres, verläuft genau in Höhe der Schultern Wilhelms. Ebendort zieht eine Flottille von vier dampfgetriebenen stählernen Kriegsschiffen, mächtig rauchend,  in Linie hinter ihm vorbei, wobei das das vorletzte als einziges von den vieren nach Steuerbord ausgiert, genau in Höhe seiner rechten Schulter.

Wilhelm steht vor einer perspektivisch im stumpfen Winkel abknickenden Reling (Geländer), die ihrer Darstellung nach keinen Aufschluß darüber zuläßt, ob er selbst sich an Bord eines Schiffes befindet oder an Land.

Adolph Behrens, der Maler dieses Bildes, lebte dem Vernehmen nach von 1865 bis 1914. Wir sehen hier also eines seiner Spätwerke. Er sei als Autodidakt Maler, Graphiker und Illustrator gewesen und habe in Hamburg und New York Wohnsitze gehabt. Seine Lebensspanne betrug demzufolge 49 Jahre; viel größer hingegen war die des von ihm hier malerisch dargestellten Mannes: 82 Jahre. Ob Behrens 1914 durch Kriegseinwirkung starb, womöglich als Soldat, war bis dahin nicht zu ermitteln, es liegt rein spekulativ aber im Bereich des Möglichen.

Anlaß zu dieser Besprechung gibt mir die eigenartig unbeholfene Ausführung des linken Auges. Es wirkt aus der Entfernung betrachtet platt und unplastisch, in völliger Abweichung zu dem gekonnt-eleganten Malstil des übrigen Werkes. Wenden wir uns dieser Gemäldepartie näher zu.

Die Rauchfahnen der beiden vorderen Schiffe, die im Hintergrund vorbeifahren, bilden mit ihren Achsen einen Winkel, dessen Spitze in genau dem erwähnten linken Auge liegt. Der Maler hat diesen Punkt des Bildes mithin weitausholend betont. Interessant ist nicht nur, daß die Iris seines rechten Auges deutlich größer als die Iris des anderen ist. Sondern es ist auch bemerkenswert, daß das linke Auge in seiner Horizontalachse auffallend zu derjenigen des rechten Auges nach oben versetzt ist. Die Fotos des Kaisers aus dieser Zeit lassen die Vermutung unmittelbar ausscheiden, es habe sich um eine anatomische Besonderheit seines Gesichts gehandelt, die der Maler hier lediglich naturtreu wiedergegeben habe. Nein, es ist eine mutwillige, naturabweichende Gestaltung des Künstlers. Warum? Es läßt sich freilich einwenden, daß Behrens es mit dem natürlichen Beschaffensein seines Modells, wie bezüglich des linken Arms weiter oben schon erwähnt, auch nicht so genau genommen hat. Aber nähern wir uns dem rechten Auge noch weiter:

Oben sehen wir das Gesicht im Bildausschnitt in Großaufnahme. (Alle Bilder auf diesen Seiten können durch Anklicken vergrößert betrachtet werden). Nicht nur ist, wie eben schon erwähnt, die linke Iris unverhältnismäßig größer als seine rechte Iris ausgeführt. Wie wir hier sehen, hat die rechte Pupille zudem eine vollkommen abnorme Form. Es scheint sich um eine Art Doppelpupille zu handeln, ein Pupillenschwarz, das, wie die Iris selbst, in seiner äußeren Kontur vom Rundzustand weg deformiert ist und mitten hindurch eine Irisbrücke aufweist. Daß Behrens Augäpfel malen konnte, zeigt das rechte, normale Auge. Warum nicht beim linken? In großer Eile fertiggestellt? Keine Lust mehr gehabt? Oder eine versteckte Symbolisierungsabsicht?

Im Weichbild und zugegeben mit etwas Phantasie erinnert die Gestaltung der linken Iris an einen Totenschädel. Totenschädel im Auge?

Das ist ein Motiv, das etwa der niederländische Künstler M. C. Escher (1897-1972) im Jahr 1946 in ähnlicher Weise ausgeführt hat. Wollte sich Behrens einen ebensolchen bildlichen Bruch erlauben? Wenn ja, warum? Kaum vorstellbar, daß er sich einfach-mal-so dazu erkühnte, seinen obersten Landesherrn in diesem Punkte nachgerade karikierend darzustellen.

Allerdings war es ja durchaus so, daß Wilhelm II. als Uniformträger Totenkopf-Embleme mit sich herumgetragen hat, sehr deutlich sogar. Die Frage nach den künstlerischen Absichten bei der Darstellung des rechten Kaiserauges indes muß hier – wenig überraschend – unbeantwortet bleiben; sie ist wohl auch nicht mehr zu lösen. Echte Aufklärung würde insoweit nur eintreten, wenn sich eine Handschrift, etwa ein Tagebuch des Malers Behrens auffinden würde, dem explizite Ausführungen zu diesem Gemälde zu entnehmen sind.

Beschließend kann immerhin vorsichtig vermutet werden, daß die Malweise des Auges bei den (zahlenden? auftraggebenden?) Empfängern wohl zur Ablehnung des Werkes oder zur Aufforderung nach Überarbeitung keinen Anlaß gab. Auch heute bietet sie keinen Grund zur Beanstandung. Das Gemälde hängt an prominenter Stelle in der Marineschule Mürwik, direkt zuseiten eines handsignierten Befehls Wilhelms II. „An die Fähnriche der Marineschule“ vom 21. November 1910.

Am Rande: die Narbe unter dem rechten Augenwinkel ist penibel nach der Natur gemalt. Sie rührte, so die Literatur, von einer Wurfattacke her. Bei der Besichtigung einer Werft soll ein wütender Arbeiter aus der Menge heraus mutwillig ein Metallstück auf den Kaiser geworfen haben, das ihn an genau dieser Stelle traf.

Gemälde, überhaupt gestaltete Bildwerke, verdienen immer einen zweiten, fünften, zehnten Blick. Man muß das leisten, wenn man verstehen will.

(Fotos von 2013).

"Sind denn die Amerikaner besser als wir?"

Fiktives Gespräch des Autors mit einem Bundesminister der Verteidigung im Anschluß an eine Vereidigungszeremonie an der Marineschule Mürwik, Flensburg. Die frei erfundene Szene spielt irgendwann Anfang der 1990er Jahre.

Eine Vielzahl Personen steht in der unmittelbaren Umgebung, darunter soeben vereidigte Marine-Offizieranwärter und deren zur Vereidigungszeremonie angereiste Verwandte. Die Zeremonie ist vor etwa 15 Minuten zu Ende gegangen. Die Soldaten, Verwandten und eingeladenen Gäste stehen informell in losen Grüppchen auf dem Gelände verteilt. Wir sehen hier die Terrasse vor dem Remter, dem Speisesaal der Marineschule, von wo man einen prachtvollen Blick auf die Flensburger Förde, einen Meeresarm der Ostsee, hat.

Der Minister unterhält sich mit einigen jungen Soldaten und ihren Eltern. Fragt nach deren Herkunft, Smalltalk. Ich spreche ihn an, als er mir gerade den Rücken zukehrt.

Herr Minister?

(Dreht sich um.) Ja?

Wiedenroth mein Name. Gestatten Sie eine Frage zu Somalia? (Händeschütteln).

Ja … na … da schicken wir aber keine Marine hin (lacht, sieht in die Runde, späht nach Mitlachern, sieht mich wieder an, nickt, als Aufforderung, die Frage zu stellen).

Gibt es ein Abbruchkriterium für den Somaliaeinsatz (der Bundeswehr)?

(Stutzt) Nein, wozu? … Wo kommen Sie her? Was machen Sie beruflich?

Ich bin in der Wirtschaft tätig.

(Schüttelt den Kopf) Nee, also … dann sage ich jetzt natürlich nichts dazu …  sind denn die Amerikaner besser als wir? … ich weiß nicht, wann Schluß ist … darüber denken wir gar nicht nach!

Ist das in Somalia also eine open-end-Veranstaltung?

Open end. Was heißt open end. Das warten wir ab. Ok! (Setzt sich während dieses Satzes in Bewegung, winkt heftig ab, verläßt die Szene, steigt mit seinen Begleitpersonen die Treppenstufen der Terrasse hinab.)

(Farbzeichnung von 2013).

„Are the Americans any better than us?“

Fictitious conversation between the author and a German Federal Minister of Defence, following a swearing-in ceremony at the Marineschule Mürwik (German Naval Academy), Flensburg. The entirely fictional scene takes place sometime in the early 1990s.

A large number of people in the immediate area, including just sworn-in officer candidates and their relatives who traveled here in order to attend the swearing-in ceremony. The ceremony came to an end about 15 minutes ago. The soldiers, relatives and invited guests are distributed informally in small groups loosely all over the grounds. We see here the terrace in front of the refectory, the dining room of the Naval Academy, from where one has a splendid view of the Flensburg Fjord, a firth of the Baltic Sea.

The Minister talks to some young soldiers and their parents. Asks about their origin, smalltalk. I address myself to him, just as he turns his back on me.

Mr. Minister?

(Turns around.) Yes?

Wiedenroth my name. Allow a question about Somalia? (Shaking hands).

Yes … well … but we won’t send the Navy there. (Laughs, looks around, peering for laughs on his remark, looks back at me, nods, as an invitation to ask the question).

Is there a termination criterion for the Somalia-deployment (of German Army Bundeswehr)?

(Hesitates.) No, what for? … Where are you from? What do you do?

I’m working in business.

(Shaking his head) No, so … I’ll say now, of course, nothing more … are the Americans any better than us? … I don’t know when the end is … we don’t even think about that at all!

Is the deployment in Somalia an open-end event, so?

Open end. What’s open end. We’ll wait and see. Ok! (Sets himself in motion while speaking this phrase, waves violently, leaves the scene, descends the steps of the terrace, accompanied by his escort.)

(Color drawing of 2013).

Julius Oldach.

Das Grabkreuz des deutschen Malers Julius Oldach (*1804 in Hamburg, † 1830 in München), fotografiert auf dem Hamburger Hauptfriedhof Ohlsdorf am 26. Mai 2007.

Cross of German painter Julius Oldach (*1804 in Hamburg, † 1830 in Munich), photo taken on Hamburg’s main cemetery Ohlsdorf on May 26, 2007.