Kategorie: Otto Isensee

Ein Zeitungsinterview mit dem Blogbetreiber zu den Veröffentlichungen auf kriegsgefangen44.blogspot.de.

Dieses ist die Langfassung eines im März 2015 geführten schriftlichen Interviews.  Es ist in einer leicht gekürzten Version am 31. Dezember 2015 in der „Gifhorner Rundschau“ erschienen.

Beginn Interviewtext:

– Eigentlich sind Sie ja Karikaturist – warum jetzt ein Blog über einen Kriegsgefangenen? Was treibt Sie dazu an?

Man ist ja als Mensch mit vielen, jedenfalls mehreren Eigenschaften auf der Welt. Daß ich vor 20 Jahren politischer Karikaturist, Illustrator und Zeichner im Vollberuf geworden bin, war nicht zuletzt in meinem seit jeher regen Interesse an Fragen der Politik und der Zeitgeschichte begründet. Dieses Interesse hat sich nun in der letzten Zeit ergänzend in der Aufarbeitung des Isensee-Nachlasses verwirklicht.


– Wie kamen Sie zu den Dokumenten? War Isensee ein Verwandter von Ihnen? Haben Sie sonst etwas mit Schönewörde oder dem Kreis Gifhorn zu tun?

Otto Isensee war mein Großvater mütterlicherseits. Ich habe das im Rahmen der Blogveröffentlichungen bewußt nicht erwähnt, weil es für die Rezeption der transkribierten Texte ohne Bedeutung ist. Es liegt nicht in meiner Absicht, meinem Großvater als Person ein Denkmal zu setzen, sondern ich möchte vielmehr die durch Vererbung auf mich gekommenen Aufzeichnungen und Dokumente als geschichtswissenschaftlich interessantes Material vor Vergeblichkeit, Verfall und Vergessen bewahren. In Schönewörde bin ich bis heute noch nicht gewesen, aber der Ortsname ist mir aus den Erzählungen meiner Großeltern, meines Onkels und meiner 2013 verstorbenen Mutter natürlich bestens bekannt. Im Landkreis Gifhorn, in Müden/ Aller, wurde ich im Sommer 1971 eingeschult, bin aber aus familiären Gründen wenige Wochen später an eine Grundschule im Landkreis Fallingbostel gewechselt. Im Nachbarort Flettmar war ich als kleines Kind oft bei den Großeltern zu Gast, und im wenige Kilometer entfernten Seershausen, ihrem Alterswohnsitz, habe ich als Schüler oft die Ferien verbracht.

– Wissen Sie, was nach der Kriegsgefangenenschaft aus ihm und seiner Familie geworden ist?

Otto Isensee kehrte 1948 aus russischer Kriegsgefangenschaft heim, war von 1949 bis 1973 Lehrer an der Volksschule in Flettmar, Landkreis Gifhorn, und wohnte dortselbst bis 1971 im Lehrerwohnhaus neben der Schule. Bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1974 hat er anschließend als Lehrer an der Volksschule in Müden/ Aller gewirkt. Von 1952 bis 1973 war er Hauptlehrer und Leiter der Flettmarer Volksschule. Ergänzend führte er im Flettmarer Lehrerwohnhaus bis 1971 eine Nebenzweigstelle der damaligen Kreissparkasse Gifhorn. Er wohnte von 1971 bis zu seinem Tod im Jahre 1995 in Seershausen. Seine Frau, meine Großmutter, starb 1998 im Landkreis Harburg. Vor wenigen Tagen habe ich Original-Dokumente aus Isensees Flettmarer Zeit, aus denen auch die vorgenannten Daten seiner Dienstzeit hervorgehen, dem Kultur- und Heimatverein Müden/ Aller gestiftet mit dem Ansinnen, sie der örtlichen heimatkundlichen Forschung zugänglich zu halten. Darunter befindet sich auch ein Album mit vielen Fotos, die die Neuerrichtung eines Volksschulanbaus in Flettmar im Jahre 1957 abbilden.


– Offenbar hat Sie die Geschichte von Isensee fasziniert – was denn vor allem?

Es ist die Authentizität seiner Aufzeichnungen, die fasziniert. Es sind Quellen erster Ordnung. Tagebuchnotizen, von denen er bei Niederschrift nicht wissen konnte, ob sie ein anderes Auge, meine zumal, je erreichen würden. Er konnte bei Niederschrift nicht einmal wissen, ob er die Gefangenschaft, in der er sich befand, überleben würde und womöglich seine Tagebüchlein mit ihm selbst irgendwo in russischer Erde begraben werden würden. Daher gehe ich davon aus, daß er die Texte in großer Aufrichtigkeit vor sich selbst geschrieben hat, so, als ob es täglich jeweils seine letzte Eintragung gewesen sein könnte. Es liegen damit Aufzeichnungen vor, die von jemandem stammen, der nicht nur über Ereignisse schreibt, sondern sie im Augenblick der Niederschrift unmittelbar selbst erlebt. Ein Zeitzeuge. Die Publikation im Internet bietet 70 Jahre später die Chance, Großvater Isensees Aufzeichnungen sowohl ihrem Inhalt nach zu konservieren als auch der geschichtswissenschaftlichen Forschung, geleistet durch wen und wann auch immer, zugänglich zu machen. Eines kommt hinzu: Da im Zeitablauf immer weniger Menschen in der Lage sind, die deutsche Schreibschrift von damals zu lesen, schien es mir geraten, die Inhalte der Isenseeschen Gefangenschaftsnotizen beizeiten für jedermann lesbar zu erhalten.

 

– Ist der Blog bereits abgeschlossen oder gibt es noch weitere Einträge?

Es wird weitere Einträge geben.

– Blieben bei Ihnen noch Fragen zu Isensee? Gibt es Tagebucheinträge oder Briefe, die Ihnen Rätsel aufgeben?

Ein Wunder war es immer, wenn ein Gefangener die Strapazen überlebte und nach Hause heimkehrte, und damit lag regelmäßig eine Vielzahl unbeantwortbarer Fragen vor. Warum überlebte dieser und ein anderer nicht? Bemerkenswert fand ich in der Gesamtschau seiner Aufzeichnungen den durchgehend versöhnlichen Ton über seine russischen Bewacher und das stete Lob über die Qualität der Verpflegung, die, besonders in den ersten Jahren, zwar knapp, aber gut gewesen sei. Tenor: „Der Russe tut was er kann, wenn es mal nicht klappt, so ist es kein böser Wille, sondern es treten eben Schwierigkeiten auf. Jedenfalls haben wir uns die russ. Gefangenschaft anders vorgestellt.“ (Eintragung vom 18.12.1944.) Diesen versöhnlichen Ton hat er nach meiner Erinnerung auch in späteren Jahren im Gespräch mit mir über die Russen stets angeschlagen. Er hat oft gesagt, die einfache russische Bevölkerung hätte in jenen Jahren schlimmer gehungert als seine Mitgefangenen und er selbst. Allerdings habe ich vieles von dem, was ich seinen Aufzeichnungen im Zuge der Transkriptionsarbeit entnehmen konnte, zu seinen Lebzeiten von ihm nicht erfahren. Darüber hat er in diesen Einzelheiten nie mit mir gesprochen. (Ich war 30, als er starb.) Wenn er gut aufgelegt war, erzählte er mir drei, vier Episoden aus der Gefangenschaft, allerdings von Mal zu Mal wiederkehrend dieselben. Diese drehten sich um feinmechanische Arbeiten, die er während der Gefangenschaft in einer örtlichen Schnapsfabrik ausgeführt hat (er hatte zunächst das Handwerk des Feinmechanikers erlernt, an der Abendschule das Abitur nachgeholt und danach in den 1930er Jahren auf Lehramt studiert) und um seine schwere Lungenerkrankung während der Kriegsgefangenschaft im April/ Mai/ Juni 1945, von der ihn die russischen Lagerärzte geheilt hatten. In der Erinnerungsliteratur anderer deutscher Entlassener aus dem russischen Lager Grjasowez, in dem Großvater Isensee einen großen Teil seiner Gefangenschaft verbracht hat, ist von weitaus schlimmeren Schicksalen die Rede, auch von einer hohen Sterblichkeit im Lazarett. Auch heißt es, Grjasowez sei ein Kriegsgefangenenlager vornehmlich für Offiziere gewesen, in dem die Bedingungen der Gefangenschaft vergleichsweise milde gewesen seien. Isensee erhielt als Offizier (Leutnant) höhere Verpflegungsrationen als die Mannschaften, wie auch aus seinen Aufzeichnungen hervorgeht. Was ihm in der Summe tatsächlich das Überleben unter schwierigsten Umständen ermöglicht hat, ist allerdings eine Frage, die bleibt. Im übrigen sind einige Passagen seiner Texte in einer Stenogrammschrift geschrieben, die ich mangels hinreichender Stenokenntnisse nicht entziffern konnte.

Ende Interviewtext.
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Arbeit in Tscherepowez: Handschriftliche Notiz auf einem Zeitungsausschnitt von 1987.

Eine handschriftliche Notiz, die Otto Isensee auf einem Zeitungsausschnitt von 1987 hinterlassen hat, gibt Aufschluß über die Art seines Arbeitseinsatzes im Kriegsgefangenenlager Tscherepowez, in dem er sich von Mai bis Juli 1947 aufhalten mußte (dieser Zeitraum läßt sich anhand der Absenderangaben der Rotkreuzpostkarten bestimmen („Lager 7158/6“), die er in die Heimat geschickt hat und die auf diesem Blog dokumentiert sind. Die Notiz ist oben im Bild zu sehen.

Die kurze Meldung handelt von der chemischen Verseuchung des Rybinsker Stausees nach einem Unfall in einer sowjetischen Fabrik und ist in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 27. März 1987 auf Seite 9 erschienen. Es wird darin berichtet, daß sich die Einwohner der Stadt Tscherepowez, die am nördlichen Rand des Stausees gelegen ist, über den Fisch beschwert hätten, den sie auf dem Markt gekauft oder im Stausee gefangen hätten. Es hätte sich in den Fischen bei einer Untersuchung sodann eine hohe Konzentration von schädlichen Stoffen gefunden.

Der Direktor einer Chemiefabrik, die mit der Verseuchung in ursächlichem Zusammenhang gestanden habe, habe das Austreten der Giftstoffe mit dem Zerbersten von Rohren im strengen Winter erklärt. Zugleich wurden gegen die Fabrik aber auch Vorwürfe erhoben, seit langer Zeit die technischen Sicherheitsbestimmungen mißachtet zu haben.

Otto Isensee hat irgendwann zwischen 1987 und 1995 an den Rand dieser Meldung handschriftlich notiert: „Den Staudamm habe ich 1947 bei 33° Kälte mit gebaut! In Tscherepowez war unser Lager.“

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Exkurs: Dokumente einer Lehrerlaufbahn. Post vom Regierungspräsidenten in Lüneburg.

 Ernnenungsurkunde für Otto Isensee vom 24. Februar 1941 zum Lehrer an Volksschulen. „Im Namen des Führers (…) für den Ministerpräsidenten ((des Landes Preußen. Lüneburg liegt bis 1946 in der preußischen Provinz Hannover, gw)) im Auftrage des Reichsministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung der Regierungspräsident“ in Lüneburg, Matthaei. Zu diesem Zeitpunkt dient Isensee ausweislich seines Entnazifizierungsfragebogens vom Juni 1948 als Soldat im Range eines Gefreiten beim Armee-Nachschubbataillon 62.

Das Begleitschreiben zur Ernennungsurkunde vom 24. Februar 1941.

Ernennungsurkunde für Otto Isensee zum Beamten auf Lebenszeit vom 4. März 1942. „Namens des Führers für den Ministerpräsidenten ((des Landes Preußen, gw)) im Auftrage des Reichsministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung der Regierungspräsident“ in Lüneburg. Zu diesem Zeitpunkt dient Isensee ausweislich seines Entnazifizierungsfragebogens vom Juni 1948 als Soldat im Range eines Unteroffiziers beim Armee-Nachschubbataillon 62.

Versetzungsmitteilung des Regierungspräsidenten in Lüneburg an Otto Isensee vom 29. August 1949, betreffend Isensees Versetzung als Lehrer von der Volksschule in Schönewörde an die Volksschule in Flettmar, beide Landkreis Gifhorn, Niedersachsen, Bundesrepublik Deutschland, die zu diesem Zeitpunkt gut drei Monate alt ist. Isensee hat diese Versetzung am 18. Juli desselben Jahres selbst beantragt. Wirksam werden soll sie zum 1. Oktober 1949. Mit Grünstift ist unten links das Datum 9. September 1949 mit einem Ausrufezeichen notiert. Die Bedeutung dieser Notiz ist unklar. Umzugskosten werden Isensee nicht gewährt. Fernsprechnummer und Postscheckkontonummer des Regierungspräsidenten haben sich ausweislich des Briefkopfes seit 1941 nicht geändert und werden sich insoweit mindestens bis zum Januar 1952 nicht ändern.

Am 8. November 1950 bestätigt der Regierungspräsident in Lüneburg dem Lehrer Otto Isensee in Flettmar, daß die auf ihn, Isensee, ausgestellte Ernennungsurkunde zum Beamten auf Lebenszeit vom 4. März 1942 unverändert gültig ist (Urkunde siehe oben). Isensee hatte sich diesbezüglich unter dem 2. Januar 1950 beim Regierungspräsidenten erkundigt. Er hat demnach über 10 Monate auf den oben abgebildeten Bescheid warten müssen.

Begleitschreiben zur Übersendung der Ernennungsurkunde zum Hauptlehrer für Otto Isensee vom 3. Januar 1952. Die Ernennung ist frühestens wirksam ab dem 1. Februar 1952. Es schreibt der Regierungspräsident in Lüneburg. Isensees neue Besoldungsgruppe ist A 4 b 1. Seine Hauptlehrerstelle ist an der Volksschule in Flettmar. Landkreis Gifhorn, Niedersachsen.

Die Ernennungsurkunde vom 3. Januar 1952. „Namens des Niedersächsischen Landesministeriums für den Niedersächsischen Kultusminister der Regierungspräsident in Lüneburg. „

Vermutlich die private Abschrift eines Schreibens, das Isensee am 16. April 1955 dienstweggemäß über seinen Schulrat an den Regierungspräsidenten in Lüneburg sendet. Die Transkription der deutschen Handschrift ist wie folgt:

„Flettmar, den 16.4.1955

Der Leiter der Volksschule in Flettmar

An den
Herrn Regierungspräsidenten in Lüneburg
durch den
Herrn Schulrat des Schulaufsichtskreises Gifhorn-West.

Betr.: Hauptlehrerstelle in Vordorf.
Bezug: Verfügung vom 7.5.55

Auf obige Verfügung berichte ich, daß ich nicht als Hauptlehrer nach Vordorf gehen möchte. Ich kann meinen Kindern, die in Celle die Oberschule besuchen und sich in der 10. bzw. 11. Klasse befinden, keine Umschulung wieder zumuten. Ich bitte daher, mich in Flettmar zu lassen.

Isensee, Hptl. ((Hauptlehrer, gw))“

Isensees Eingabe ist erfolgreich. Er wird nicht versetzt und verbringt seine Dienstzeit als Lehrer bis 1972 an der Volksschule in Flettmar. Nach deren Auflösung 1972 bis zu seiner Pensionierung 1974 ist er Lehrer an der Volksschule in Müden/ Aller, einem unmittelbaren Nachbarort Flettmars.

Urkunde des Regierungspräsidenten in Lüneburg „im Namen des Landes Niedersachsen“ vom 31. Januar 1974, mit der Otto Isensee als Lehrer in den Ruhestand versetzt wird. Vor ihm liegen noch knapp 22 Lebensjahre als Pensionär.

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Bescheid über Kriegsgefangenen-Entschädigung. 3. Dezember 1956.

Bescheid des Landkreises Gifhorn, Heimkehrerbetreuungsstelle, an den 1948 aus sowjetrussischer Kriegsgefangenschaft heimgekehrten Lehrer Otto Isensee, Flettmar, vom 3.12.1956 nach dem Kriegsgefangenenentschädigungsgesetz (KgfEG) vom 30. Januar 1954.

Der Anspruch mußte nach § 9 KgfEG binnen eines Jahres nach Inkrafttreten dieses Gesetzes gestellt werden. Otto Isensee hätte danach seine Ansprüche bis zum 30. Januar 1955 geltend gemacht haben müssen. Tatsächlich hat er seinen Antrag, wie man dem oben abgebildeten Dokument entnehmen kann, am 28.9.1954 gestellt.

Die Fälligkeit der beschiedenen Entschädigungssumme von DM 420,00 ist vom Aufruf der Dringlichkeitsstufe 20 abhängig gemacht. Wann dieser Aufruf erfolgt ist und um wieviel später der Betrag tatsächlich an Isensee gezahlt worden ist, ist den vorliegenden Unterlagen nicht zu entnehmen.

In der Anlage zu diesem Dokument wurde ausweislich desselben der D 2 Entlassungsschein zurückgereicht, der auf diesem Blog unter dem 14.07.2015 veröffentlicht wurde.

In § 3 KgfEG heißt es:

„(1) Für jeden Kalendermonat des Festhaltens in ausländischem Gewahrsam – frühestens vom 1. Januar 1947 an – wird als Entschädigung ein Betrag von 30 Deutschen Mark gewährt,“

 ((Das bedeutete für Otto Isensee, daß seine Gefangenschaftszeit vom 19. Oktober 1944 bis zum 31. Dezember 1946, die im Vergleich der härtere und elendere Teil gewesen sein dürfte, insoweit unberücksichtigt blieb, und nur die Gefangenschaftszeit vom 1. Januar 1947 bis 27. Februar 1948 berücksichtigt wurde, gw.))

„der sich nach weiteren zwei Jahren ausländischen Gewahrsams auf 60 Deutsche Mark erhöht. Mit der Entschädigung sind etwa bestehende Ansprüche des Berechtigten wegen Freiheitsentziehung und Arbeitsleistung im ausländischen Gewahrsam gegen die Bundesrepublik abgegolten.“

((Höchstens 60 Deutsche Mark, das sind nach heutiger Kaufkraft etwa 4.700 Euro, erhielt also allgemein gesprochen der berechtigte ehemalige Kriegsgefangene für einen Monat (ab dem 1.1.1947!) erlittenen Hungers und knapper Verpflegung, für Todesangst, Mangel- oder Infektionskrankheit, oft genug Mißhandlungen oder Folter, Heimweh, quälende Ungewißheit über das Schicksal der Angehörigen sowie für harte, auszehrende Arbeit unter schlimmen Lagerbedingungen. Und das naturgemäß auch nur, wenn er das Glück hatte, am Leben geblieben zu sein. Das ist das staatliche Dankeschön für ein Gefangenenschicksal, das dem Betroffenen mindestens deshalb zuteil geworden war, weil er dem strafbewehrten Befehl des deutschen Staates gefolgt ist – unter Bedrohung mit empfindlichem Übel -, Kriegsdienst zu leisten. Man muß diese Höhe der Entschädigung angesichts des Erlittenen wohl mit Fug und Recht ein schlechtes Geschäft für den Betroffenen nennen. Es ist unter anderem deshalb der Vorsatz zu folgern, sich künftig allfälligen staatlichen Aufforderungen aller Art zum Schießen auf andere Menschen konsequent zu verweigern, gw))

„(2) Bei der Berechnung der Zeit der Kriegsgefangenschaft sind alle Zeiten eines ausländischen Gewahrsams aus den in § 2 genannten Gründen zu berücksichtigen. „

((§2 KgfEG lautet: „(1) Kriegsgefangene sind Deutsche, die wegen militärischen oder militärähnlichen Dienstes gefangengenommen und von einer ausländischen Macht festgehalten wurden oder werden. Was als militärischer oder militärähnlicher Dienst anzusehen ist, richtet sich nach den Bestimmungen des Bundesversorgungsgesetzes in der Fassung vom 7. August 1953 (…). (2) Als Kriegsgefangene im Sinne dieses Gesetzes gelten ferner 1. Deutsche, die im ursächlichen Zusammenhang mit den Kriegsereignissen von einer ausländischen Macht festgehalten wurden oder werden, und 2. Deutsche, die im ursächlichen Zusammenhang mit den Kriegsereignissen in ein ausländisches Staatsgebiet verschleppt wurden.“))

„(3) Der Monat, in den der Beginn des ausländischen Gewahrsams fällt, sowie der Entlassungsmonat werden voll entschädigt.“

((Für Otto Isensee bedeuteten dieses 14 Monate anrechenbare Gefangenschaftszeit, zu entschädigen mit 30 DM pro Monat, also 420 DM. Vergleiche das oben abgebildete Dokument und den Blogeintrag vom 14.07.2015,  gw))

In § 5 desselben Gesetzes heißt es:

„Der Anspruch auf Entschädigung ist nicht übertragbar und nur nach Satz 2 vererblich. Stirbt der Berechtigte nach Inkrafttreten dieses Gesetzes, so ist der Anspruch auf Entschädigung vererblich, wenn der Berechtigte von seinem Ehegatten, seinen Kindern oder seinen Eltern beerbt wird und wenn die Vererbung des Anspruchs wegen der Bedürftigkeit der Erben billig erscheint.

((Wäre Otto Isensee also verstorben, nachdem er den Antrag nach KgfEG gestellt hatte, hätten seine erbberechtigten Familienmitglieder nur dann Geld vom Staat zur Entschädigung für seine, Isensees, Kriegsgefangenschaft erhalten, wenn ein entscheidungsbefugter Beamter der Auffassung gewesen wäre, daß die Erben hinreichend bedürftig waren. Nochmals: ein schlechtes Geschäft für den Betroffenen und Berechtigten und für seine Angehörigen, die in der Heimat mitgelitten haben, allemal, gw.))

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Nachtrag, 24.07.2015:

Eine Zwischenbescheid-Postkarte der Heimkehrerbetreuungsstelle des Landkreises Gifhorn vom 11.1.1955, also eine erste behördliche Antwort nach Ablauf von über drei Monaten nach Einreichung des Antrags auf Entschädigung gemäß KgefEG. Der Bescheid erging knapp zwei Jahre später. Postkartenporto 7 Pfennig.

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Heimkehr nach Deutschland. Wiedereinstellung in den Schuldienst. Übertragung Schulstelle. 4. Oktober 1948.

Der Regierungspräsident in Lüneburg, Abteilung für Kirchen und Schulen, teilt Otto Isensee unter dem 4. Oktober 1948 mit, daß Isensee mit Wirkung vom 1.10.1948 die Verwaltung seiner bisherigen Schulstelle in Schönewörde, Kreis Gifhorn, übertragen wird. Die Einstufung in die Kategorie V (Entlasteter) im Entnazifizierungsverfahren nach Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft als Voraussetzung für die Wiedereinsetzung in den Schuldienst (siehe diesen Blog, Eintrag vom 8.7.2015) wird ausdrücklich genannt.

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Isensees Entnazifizierungs-Entscheidung. 17. August 1948.

Entnazifizierungs-Entscheidung im schriftlichen Verfahren des Entnazifizierungs-Hauptausschusses des Landkreises Gifhorn. Otto Isensee wird in die Kategorie V. eingestuft: Entlasteter. Der Bescheid trägt den Rundstempel „Der Niedersächsische Minister für die Entnazifizierung. Der öffentliche Kläger bei dem Hauptausschuß für die Entnazifizierung des Kreises Gifhorn“.

Die Kosten des Verfahrens werden auf 20,00 Deutsche Mark festgesetzt. Das sind nach heutiger Kaufkraft etwa 1.566 EUR.

Die Kategorien eins bis fünf bei der Entnazifizierungs-Einstufung lauteten:

  1. Hauptschuldige (Kriegsverbrecher)
  2. Belastete (Aktivisten, Militaristen und Nutznießer)
  3. Minderbelastete
  4. Mitläufer
  5. Entlastete.

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Heimkehr nach Deutschland. Friedland. Entlassung aus dem Heer. 27. Februar 1948.

Certificate of Discharge/ Entlassungsschein des „No. 2  P.W. Discharge Centre“/ Kriegsgefangenenentlassungszentrums (ausweislich des Rundstempels). Hiermit wird die Entlassung Otto Isensees aus militärischen Diensten behördlich bescheinigt. Ausgefüllt wurde das Dokument von fremder Hand, also nicht derjenigen Isensees. Dieser hat lediglich mit seiner Unterschrift die Wahrhaftigkeit der Angaben bestätigt. Die Ausstellung erfolgt im Flüchtlingslager Friedland/ Leine. Otto Isensee hat zur Authentifizierung seinen rechten Daumenabdruck auf das Dokument gesetzt. Da anzunehmen ist, daß die Abgabe des Daumenabdrucks in Gegenwart des „Allied Discharging Officer“ vorgenommen werden mußte, dürfte Isensee hierzu im Lager Friedland gewesen sein. Der Name des hier hoheitlich tätigen und beurkundenden „Allied Discharging Officer“ ist L. Abbott. Es wird hierdurch bescheinigt, daß Isensee am 27. Februar 1948 vom Heer entlassen wird. Das diesbezügliche Datum ist auffälligerweise nur mit Bleistift und von dritter Hand eingetragen. Ab dem 28. Februar 1948, also einen Tag später, hat sich Isensee in der Landeskrankenanstalt Klein-Bülten aufgehalten (siehe Blogeintrag vom 04.07.2015 und das dort gezeigte Dokument).

 Das Dokument trägt ferner einen Stempelvermerk vom 6. April 1948 über eine Auszahlung von 152,00 Reichsmark, zusammengesetzt aus 80,00 Reichsmark „paid on discharge“, also Entlassungsgeld, sowie 72,00 Reichsmark „Wehrsold“. (Ab dem 21. Juni 1948 war die Deutsche Mark gesetzliches Zahlungsmittel. Die Umstellung erfolgte im Verhältnis 10 Reichsmark zu 0,65 Deutsche Mark. Otto Isensee hat vorliegend also eine Summe erhalten, die wenige Wochen später 9,88 Deutsche Mark wert war, in heutiger Kaufkraft etwa 774 Euro. Zur Relation: Im Normalfall erhielt jede natürliche Person am 20. Juni 1948 im Zuge der Währungsumstellung ein Kopfgeld von 40 Deutschen Mark und einen Monat später weitere 20 Deutsche Mark bar ausgezahlt, zusammengenommen nach heutiger Kaufkraft etwa 4.700 Euro.) Die Unterschrift des „Paymaster“ ist schwer leserlich und beginnt mit „Kall …“.

Ferner trägt das Dokument einen Stempel des Finanzamtes Gifhorn über durchgeführte Veranlagung sowie einen Stempelvermerk der Heimkehrerbetreuungsstelle des Landkreises Gifhorn vom 3. Dezember 1956 über geltend gemachten Entschädigungsanspruch nach § 3 des Kriegsgefangenenentschädigungsgesetzes (KgfEG) vom 30. Januar 1954. Hieran zeigt sich die große Bedeutung des hier gezeigten Entlassungsscheins für den Betroffenen in finanzieller Hinsicht. Der Anspruch mußte nach § 9 KgfEG binnen eines Jahres nach Inkrafttreten dieses Gesetzes gestellt werden. Otto Isensee hätte danach seine Ansprüche bis zum 30. Januar 1955 geltend gemacht haben müssen.

Schließlich vermerkt die Gemeinde Schönewörde am 18. März 1948, daß Isensee sich als Einwohner am Ort gemeldet hat. Das ist derselbe Tag, an dem Isensee die Landeskrankenanstalt Klein-Bülten verlassen hat. Die Rückkunft Isensees an Heim und Herd erfolgt, am Rande bemerkt, am 100. Jahrestag der Straßenkämpfe in Berlin während der Märzrevolution von 1848.

In § 3 KgfEG heißt es:

„(1) Für jeden Kalendermonat des Festhaltens in ausländischem Gewahrsam – frühestens vom 1. Januar 1947 an – wird als Entschädigung ein Betrag von 30 Deutschen Mark gewährt,“

 ((Das bedeutete für Otto Isensee, daß seine Gefangenschaftszeit vom 19. Oktober 1944 bis zum 31. Dezember 1946 insoweit unberücksichtigt blieb, und nur die Gefangenschaftszeit vom 1. Januar 1947 bis 27. Februar 1948 berücksichtigt wurde, gw.))

„der sich nach weiteren zwei Jahren ausländischen Gewahrsams auf 60 Deutsche Mark erhöht. Mit der Entschädigung sind etwa bestehende Ansprüche des Berechtigten wegen Freiheitsentziehung und Arbeitsleistung im ausländischen Gewahrsam gegen die Bundesrepublik abgegolten.“

((Höchstens 60 Deutsche Mark, das sind nach heutiger Kaufkraft etwa 4.700 Euro, erhielt also allgemein gesprochen der berechtigte ehemalige Kriegsgefangene für einen Monat (ab dem 1.1.1947!) erlittenen Hungers und knapper Verpflegung, für Todesangst, Mangel- oder Infektionskrankheit, oft genug Mißhandlungen oder Folter, Heimweh, quälende Ungewißheit über das Schicksal der Angehörigen sowie für harte, auszehrende Arbeit unter schlimmen Lagerbedingungen. Und das naturgemäß auch nur, wenn er das Glück hatte, am Leben geblieben zu sein. Das ist das staatliche Dankeschön für ein Gefangenenschicksal, das dem Betroffenen mindestens deshalb zuteil geworden war, weil er dem strafbewehrten Befehl des deutschen Staates gefolgt ist – unter Bedrohung mit empfindlichem Übel -, Kriegsdienst zu leisten. Man muß diese Höhe der Entschädigung angesichts des Erlittenen wohl mit Fug und Recht ein schlechtes Geschäft für den Betroffenen nennen. Es ist unter anderem deshalb der Vorsatz zu folgern, sich künftig allfälligen staatlichen Aufforderungen aller Art zum Schießen auf andere Menschen konsequent zu verweigern, gw))

„(2) Bei der Berechnung der Zeit der Kriegsgefangenschaft sind alle Zeiten eines ausländischen Gewahrsams aus den in § 2 genannten Gründen zu berücksichtigen. „

((§2 KgfEG lautet: „(1) Kriegsgefangene sind Deutsche, die wegen militärischen oder militärähnlichen Dienstes gefangengenommen und von einer ausländischen Macht festgehalten wurden oder werden. Was als militärischer oder militärähnlicher Dienst anzusehen ist, richtet sich nach den Bestimmungen des Bundesversorgungsgesetzes in der Fassung vom 7. August 1953 (…). (2) Als Kriegsgefangene im Sinne dieses Gesetzes gelten ferner 1. Deutsche, die im ursächlichen Zusammenhang mit den Kriegsereignissen von einer ausländischen Macht festgehalten wurden oder werden, und 2. Deutsche, die im ursächlichen Zusammenhang mit den Kriegsereignissen in ein ausländisches Staatsgebiet verschleppt wurden.“))

„(3) Der Monat, in den der Beginn des ausländischen Gewahrsams fällt, sowie der Entlassungsmonat werden voll entschädigt.“

((Für Otto Isensee bedeuteten dieses 14 Monate anrechenbare Gefangenschaftszeit, zu entschädigen mit 30 DM pro Monat, also 420 DM, gw))

In § 5 desselben Gesetzes heißt es:

„Der Anspruch auf Entschädigung ist nicht übertragbar und nur nach Satz 2 vererblich. Stirbt der Berechtigte nach Inkrafttreten dieses Gesetzes, so ist der Anspruch auf Entschädigung vererblich, wenn der Berechtigte von seinem Ehegatten, seinen Kindern oder seinen Eltern beerbt wird und wenn die Vererbung des Anspruchs wegen der Bedürftigkeit der Erben billig erscheint.

((Wäre Otto Isensee also verstorben, nachdem er den Antrag nach KgfEG gestellt hatte, hätten seine erbberechtigten Familienmitglieder nur dann Geld vom Staat zur Entschädigung für seine, Isensees, Kriegsgefangenschaft erhalten, wenn ein entscheidungsbefugter Beamter der Auffassung gewesen wäre, daß die Erben hinreichend bedürftig waren. Nochmals: ein schlechtes Geschäft für den Betroffenen und Berechtigten und für seine Angehörigen, die in der Heimat mitgelitten haben, allemal, gw.))

Oben bereits erwähnter Paymaster Kall… teilt Isensee in einem Begleitschreiben 6. April 1948, das offenbar unmittelbar nach Vornahme des vorgenannten Stempelvermerks erstellt worden ist, mit, daß ein Duplikat des Entlassungsscheins vom No.2 P.W. Discharge Centre, Friedland Detachment, vor Ort nicht angefertigt werden könne, ihm aber anheimgestellt sei, sich eine beglaubigte Abschrift des Originals anfertigen zu lassen. Da Isensee die Landeskrankenanstalt Klein-Bülten am 18. März 1948 verlassen hat und von dort mit einem Gutschein für eine Fahrkarte nach seinem Heimatort Schönewörde entlassen worden ist, dort am gleichen Tag eine Meldebestätigung auf seinem Entlassungsschein erhalten hat (siehe oben), ist anzunehmen, daß Isensee den Entlassungsschein, datiert 27. Februar 1948, von Schönewörde aus nach Friedland geschickt hat, um in den Genuß der vorgenannten Auszahlungen zu kommen.

Am 13.4.1948 beglaubigt der Bürgermeister der Gemeinde Schönewörde, Buhr, Otto Isensee durch Stempel und Unterschrift die Richtigkeit einer Abschrift des Entlassungsscheins:

 
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