Kategorie: potsdam

Tagebuch, zweiter Band. 18. Juli 1945 bis 21. Juli 1945

(Linke Seite)

Mittwoch, 18.7.45. Der Himmel ist stark bewölkt. Die Sonne ((Stenozeichen)). Mit welcher Sehnsucht denkt man ((Stenozeichen))! Jeden Morgen sehe ich meine Bilder ((Stenozeichen)) ((gemeint sind wohl private Fotos von zuhause, gw)). Ich habe heute meine 600g Brot + 100g Tabak bekommen. Nun tausche ich seit gestern Zuckerration gegen 200g Brot. Heute habe ich außerdem ((…?)) für meine Butterportion eingetauscht. Heute 2 H((…?))stücke ((Stenozeichen)). 2 Graupen m. Bratfischschläge ((?)) – Hirsebrei. (sehr dick). Graupen m. Bratfisch. Hirsemilchsuppe. Graupen brutal. (Ich hatte noch eine 2. Portion).

Donnerstag, 19.7.45. Heute sind wir 9 Monate in Gefangenschaft. Meine Armwunde ist heil, ist heute nicht mehr verbunden. Ich lerne fleißig Gedichte u. engl. Vokabeln. Lese Zola, Germinal. Ob ich heute entlassen werde? ((gemeint ist: aus dem Lazarett, gw)).

(Rechte Seite)

Graupen. Graupen m. Gulasch (reichlich). Milch. Grießbrei. Ich hatte einen Gulaschnachschlag. Keine Neuigkeiten.

Freitag, 20.7.45. Sonniges, warmes Wetter. – Hirsebrei. Reis, Bulette u. Soße, Milch. Graupen brutal. Keine Neuigkeiten, keine Parolen. Wir warten auf den Abschluß der Konferenz der Großen Drei ((gemeint ist die Konferenz von Potsdam-Cecilienhof, die vom 17.7. bis zum 2.8.45 dauerte, gw)). Morgen rechne ich bestimmt mit meiner Entlassung ((gemeint ist: aus dem Lazarett, gw)).

Sonnabend, 21.7.45. Schönes, heißes Wetter. Ich bin immer noch im Lazarett! Gottfried Richter ist heute entlassen. ((ein Kamerad, mit dem der Tagebuchverfasser ausweislich früherer Einträge im Lazarett wohl viel Zeit verbracht hat. Nach Auskunft des Sohnes des Tagebuchverfassers hat dieser mit Gottfried Richter noch Kontakt unterhalten, nachdem beide längst in die deutsche Heimat zurückgekehrt waren, gw)) Vor dem Hause hier sind anheimelnde Blumenbeete angelegt, Fuchsschwanz, Mohn u. Goldlack sind gepflanzt. Jahrgang 05 u. älter soll demnächst heimbefördert werden ((Der Tagebuchverfasser war Jahrgang 1908; ihn betraf diese Information also nicht, gw)). – Hirsebrei, Gulasch m. Soße u. Graupen; Hirsemilchsuppe. Graupen m. Soße u. Bratfisch. (Sehr gut).

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Tagebuch, zweiter Band. 14. Juli 1945 bis 17. Juli 1945

(Linke Seite)

Sonnabend, 14.7.45. Reis, Hirse m. Gulasch u. Soße, Milch, Hirsebrei. Sonniges, kühles Wetter. Morgen soll Trumann in Antwerpen ankommen. – Keine neuen Parolen. – Eduard Spranger((1)) ist Vorsitzender eines Kultursenates((?)). – Ich gehe sehr viel raus u. trainiere Beine u. Füße.
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Fußnote ((1)): Gemeint ist wohl Eduard Spranger (1882-1963), Pädagoge, Philosoph und Psychologe, der dem Tagebuchverfasser wahrscheinlich aus seinem Lehramtsstudium bekannt war. Spranger leitete nach Kriegsende 1945 kurzzeitig und kommissarisch als Rektor die Humboldt-Universität zu Berlin.

Sonntag, 15.7.45. Ein schöner Sonntag morgen. O wären wir wir ((sic)) zu Hause. Wir setzen große Hoffnungen auf die Zusammenkunft der Drei. – Graupen, Graupen m. Soße u. Braten! Hirse-Milchsuppe Haferbrot. Morgen werde ich wohl entlassen werden ((aus dem Lazarett, gw)). – Busch habe ich noch nicht wieder gesprochen. Heute habe ich von Herrn Horstmann engl. Vokabeln abgeschrieben, die pauke ich jetzt.

(Rechte Seite)

Montag, 16.7.45. Es ist warmes wolkiges Wetter. Da bin ich heute doch noch nicht entlassen! Meine Armwunde ist fast zu. – Hirsebrei, Graupen m. Soße u. Bulette, ganz ausgezeichnet. Grieß-Milchsuppe, Hirsebrei m. Fischgulasch, davon hatte ich einen Nachschlag! Ein ausgezeichneter Tag heute. – Die 3 Großen sollen in Berlin-Köpenick, Wendenschloß ((1)) zusammenkommen.
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Fußnote ((1)) Wendenschloß ist eine Ortslage des Berliner Ortsteils Köpenick. Dort, in der Niebergallstraße 20, wurde am 5.6.45 die „Berliner Erklärung“ der vier Oberbefehlshaber der alliierten Besatzungsmächte unterzeichnet. Darin wird die Niederlage des faschistischen Deutschlands und die Übernahme der Regierungsgewalt erklärt, nachdem die „Geschäftsführende Reichsregierung“ unter Dönitz und von Krosigk am 23.5.45 in Flensburg-Mürwik verhaftet worden war. Die sog. Großen Drei (Churchill, später Attlee, GB; Truman, USA; Stalin, SU) trafen sich tatsächlich aber nicht in Wendenschloß, sondern im Potsdamer Schloß Cecilienhof, vom 17.7. bis 2.8.45. Frankreich als vierte Siegermacht war an der Konferenz nicht beteiligt. Hier heißt es, daß ursprüngliche Planungen Berlin als Tagungsort vorgesehen hätten, diese aber wegen der schweren Kriegsschäden, die in Berlin gegeben waren, verworfen worden seien.  Möglicherweise beruht die vom Tagebuchverfasser wiedergegebene Information zu Wendenschloß auf diesem alten Planungsstand.

Dienstag, 17.7.45. Ich habe von einem Herrn Gedichte abgeschrieben u. lerne sie nun auswendig. (Storm, Goethe, Mörike, Eichendorff). Auch engl. Vokabeln lerne ich fleißig. Ob ich heute wohl entlassen werde? Nein es geht noch nicht an.- Hirsebrei, Graupen m. Fischbulette u. Soße. Milch, Reisbrei. – Bis zur Oder soll deutsches Gebiet an Polen abgetreten werden!

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