Kategorie: Tagebuch; Kriegsgefangenschaft; Otto Isensee; Russland; UdSSR; Grjasowez; Proskoje; Tscherepowitsch; 1944; 1945; 1946; 1947; 1948; Deutscher; Soldat; Gefangenschaft; Alltag; Kriegsgefangener

Exkurs: Brief des Tagebuchverfassers an seine Schwägerin, 1944, zwei Monate vor russischer Gefangennahme.

Ein Briefentwurf – oder nicht abgesendeter Brief – des Tagebuchverfassers an seine Schwägerin Margarete vom 9. August 1944. Ein Blatt im Format 20,5 auf 14,5 cm, beidseitig beschrieben. Der Verfasser befindet sich als deutscher Soldat im Range eines Leutnants nach eigenen Angaben irgendwo in Serbien. Am 19. Oktober 1944 wird er in Smederevo bei Belgrad gefangengenommen  werden und in russische Kriegsgefangenschaft geraten.

Der Brief wurde vom Betreiber dieses Blogs in einem Tagebuchband Isensees von 1943 lose eingelegt aufgefunden. Es ist nach allem Anschein zu vermuten, daß dieses Blatt seine Empfängerin (1917-1986) nie erreicht hat. Möglicherweise gab es eine zweite Fassung, die tatsächlich abgesendet wurde, aber dafür gibt es keine Indizien. Der vorliegende Text gibt Hinweise darauf, in welchen Ländern der Verfasser als Soldat in der Zeit vor seiner Gefangenschaft außerdem gewesen ist: Ungarn und Griechenland. Ferner ist, wie aus früheren Einträgen dieses Blogs hervorgeht, bekannt, daß Isensee vordem in Frankreich als Soldat stationiert gewesen war.

Der Text des Briefes lautet:

(Vorderseite)

„Mittwoch, den 9.8.44 17.00

Liebe Margarete!

Für Deinen Brief vom 24.7., den ich vorgestern erhielt, danke ich herzlich! Da ich augenblicklich viel Zeit habe, will ich ihn gleich beantworten. An Else ((die Ehefrau des Verfassers, gw)) schreibe ich eben auch jeden Tag.

Seit dem 7.8. (Muttis Geburtstag) ((gemeint ist seine Ehefrau Else, gw)) bin ich Auslade-Offz. der Div. ((Auslade-Offizier der Division, gw)) auf einem serbischen Bahnhofe. Ein ruhiger  Posten. Ich schätze, daß mein Amt hier 6-8 Tage dauern wird. Gestern u. heute ist noch kein Transport gekommen, da habe ich absolut nichts zu tun als nur da zu sein u. mich zu erkundigen, wann der nächste Transport kommt. Um 19.00 erwarte ich einen.

Nun aber zu Deinem Briefe. Daß die Urlaubssperre eines Tages aufgehoben wird, glaube ich nicht. Es ist gar nicht solange her, daß ich im Hause war. Am 20. – 24. März, vor meiner Abstellung war ich noch im Hause! Ja, Salzburg u. seine Berge sind sehr schön. Ich bin ja von Salzburg aus die Tauernbahn nach Villach, Marburg gefahren als ich im März abgestellt wurde. – Ich habe eben auch Gelegenheit, Briefschulden abzutragen. Zum Lesen habe ich leider nichts da, nicht einmal eine Zeitung! Ja, Schatzkästlein u. Volkskonzert in Schönewörde ((der Heimatort des Verfassers zur Zeit dieser Niederschrift, Landkreis Gifhorn, Deutschland, gw)), das ist schon ein Genuß! Wie oft denke ich daran. Es sind nun bald 4 1/2 Jahre, daß man von Hause weg ist. Und so sehr gefällt es Dir in Schönewörde bei uns? Es soll dir auch ein zweites Zuhause sein, unser Heim. Du sollst zu jeder Zeit

(Rückseite)

herzlichst willkommen sein. Von Wiedergutmachung brauchst Du da gar nicht zu reden. Ja, zum Lernen ist es nie zu spät. Es muß allerdings die heiße ((?)), fügliche ((?)) Begeisterung dabei sein, dann geht es flott vorwärts. Sicher bist Du zu Elses Geburtstag in Sch. gewesen. Ob wohl von meinen Päckchen schon eines da war? Deine Bitte würde ich Dir gern erfüllen, aber es ist zur Zeit nicht möglich, eine Tasche zu besorgen. Elses Taschen habe ich damals in Ungarn besorgt. In Griechenland habe ich keine gesehen und hier in S. wird es desgleich. sein. Wenn ich aber mal eine auftreibe, kaufe ich sie natürlich.

Nun zu mir. Wie ich schon schrieb, sind wir nicht mehr im Lande des Volkes der „edlen Einfalt u. stillen Größe.“ Übrigens ein Land, das mich restlos enttäuscht hat. Vom klassischen Griechenland habe ich leider nichts gesehen. Der Transport hierher war äußerst gefahrvoll. Unsere Kol. ((Kolonne, gw)) fuhr geteilt. Ich mit meinem Zuge mit einem Transport, der Rest der Kol. mit einem anderen u. eine andere Strecke. Der Transport der vor uns war, es waren unser Stab u. Teile einer unsere Kw.Kp. ((vermutlich: Kraftwagenkompanie, gw)), sind schwer angegriffen u. haben 16 Tote 2 Vermißte u. eine Reihe Verwundete gehabt. Die Kol. ist von Flugzeugen angegriffen u. die Sch((…?)) Kp., mit der sie verladen war, hat dabei 2 Tote gehabt. Es war kein Vergnügen mit diesem Wissen auf den Marsch zu gehen. Wir sind aber unbehelligt durchgekommen. Man muß Glück haben. Wie die Verhältnisse hier sind, müssen wir erst einmal abwarten. Der Balkan ist ein verfluchtes Land, der jeden Tag heimtückisch seine Opfer fordert. So, für heute mag es genug sein. – Wir warten auch jeden Tag auf den Einsatz neuer Waffen! –

Viele herzliche Grüße
Dein Schwager
Otto“

Advertisements

Exkurs: Flugblatt der Roten Armee, aufgefunden im Tagebuch 1943 Otto Isensee.

Das Flugblatt zeigt folgenden Text:

(Vorderseite:)
„Wiedersehen im Kriegsgefangenenlager. Hier bist auch Du gerettet, Kamerad.

(Rückseite:)
„Die Lehre von Stalingrad.

Deutsche Soldaten! Vor Stalingrad hat die Rote Armee die deutschen Truppen aufs Haupt geschlagen. Zehntausende deutscher Soldaten und Offiziere sind vernichtet worden. 70 000 haben sich gefagengengegeben. Der Rest der deutschen Truppen ist eingekesselt, und seine Lage ist aussichtslos.

Was bedeutet der Zusammenbruch der Hitlerarmee vor Stalingrad?

70 000 deutsche und rumänische Soldaten haben allen übrigen Soldaten den Weg zur Rettung gewiesen.

Sie gaben sich gruppen-, zug- und kompanieweise, mit weißen Flaggen, gefangen.
Sie gaben sich mit ihren Offizieren an der Spitze gefangen. Die Offiziere aber, die sich der Gefangengabe widersetzten, wurden von den Soldaten aus dem Wege geräumt. Die Soldaten verständigten die Russen, durch Delegierte, daß sie sich gefangengeben wollten.

70 000 Eurer Kameraden sind aus dem Krieg hinausgesprungen. Sie alle sind wohlauf.

Soldaten! Jeder, der noch seine fünf Sinne beisammen hat, folge dem Beispiel der 70 000 Soldaten!

Nur darin liegt Eure Rettung!“

Die Einkesselung der deutschen Truppen, von denen im Flugblatt die Rede ist, erfolgte am 22. November 1942. Die Kapitulation der deutschen Truppen im Kessel von Stalingrad erfolgte am 31. Januar 1943 (Südgruppe) bzw. 2. Februar 1943 (Nordgruppe). Das vorliegende Flugblatt muß seinem Inhalt nach in der Zeit zwischen November 1942 und Januar 1943 entstanden und im Machtbereich der deutschen Truppen verbreitet, vermutlich aus dem Flugzeug abgeworfen worden sein. Otto Isensee hat es zweimal gefaltet in der Rückseitentasche seines Tagebuchs von 1943 verwahrt. Während dieses Jahres war er noch nicht in Kriegsgefangenschaft. Auf dem Schmutztitel dieses Tagebuchs hat er „Im Osten, den 1. Januar 1943“ notiert.

Von 91.000 deutschen Kriegsgefangenen aus Stalingrad werden bis 1956 nur 6.000 nach Deutschland zurückkehren.