Kategorie: Tscherepowez

Arbeit in Tscherepowez: Handschriftliche Notiz auf einem Zeitungsausschnitt von 1987.

Eine handschriftliche Notiz, die Otto Isensee auf einem Zeitungsausschnitt von 1987 hinterlassen hat, gibt Aufschluß über die Art seines Arbeitseinsatzes im Kriegsgefangenenlager Tscherepowez, in dem er sich von Mai bis Juli 1947 aufhalten mußte (dieser Zeitraum läßt sich anhand der Absenderangaben der Rotkreuzpostkarten bestimmen („Lager 7158/6“), die er in die Heimat geschickt hat und die auf diesem Blog dokumentiert sind. Die Notiz ist oben im Bild zu sehen.

Die kurze Meldung handelt von der chemischen Verseuchung des Rybinsker Stausees nach einem Unfall in einer sowjetischen Fabrik und ist in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 27. März 1987 auf Seite 9 erschienen. Es wird darin berichtet, daß sich die Einwohner der Stadt Tscherepowez, die am nördlichen Rand des Stausees gelegen ist, über den Fisch beschwert hätten, den sie auf dem Markt gekauft oder im Stausee gefangen hätten. Es hätte sich in den Fischen bei einer Untersuchung sodann eine hohe Konzentration von schädlichen Stoffen gefunden.

Der Direktor einer Chemiefabrik, die mit der Verseuchung in ursächlichem Zusammenhang gestanden habe, habe das Austreten der Giftstoffe mit dem Zerbersten von Rohren im strengen Winter erklärt. Zugleich wurden gegen die Fabrik aber auch Vorwürfe erhoben, seit langer Zeit die technischen Sicherheitsbestimmungen mißachtet zu haben.

Otto Isensee hat irgendwann zwischen 1987 und 1995 an den Rand dieser Meldung handschriftlich notiert: „Den Staudamm habe ich 1947 bei 33° Kälte mit gebaut! In Tscherepowez war unser Lager.“

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Tagebucheintragungen ab der Gefangennahme 1944. 19. Oktober bis 21. Oktober 1944.

19.10.1944. 7.30 früh gefangen ((Die Gefangennahme erfolgte in Smederevo an der Donau, Serbien, gw)). Richtung Belgrad dort sammeln, dann zurück Richtung in Nis. Es ist ein Sauwetter. Gl. v. Stetten ist dabei. ((Zum Kontext der militärischen Ereignisse siehe hier.))

20.10.1944. Oblt. Ritter getroffen, Gabler, Resch über den 2/54. Haug u. Fust sind nicht dabei. W((…?)) nach Gradowatz. Eisenbahnhalle übernachtet.

21.10.1944. Topola ((Verortung Smederevo-Topola siehe untenstehende Karte, gw)). Baracke übernacht. Verpflegung((?)).

Abbildung: Rekonstruierende Kartendarstellung der Route (blaue Linie) des Gefangenentransports, an dem der Verfasser bis zum Zeitpunkt des obenstehend transkribierten Tagebucheintrags nach eigenen Angaben teilgenommen hat.
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Exkurs: 30 Wörter frei. Postkarte des Tagebuchverfassers an seine 8-jährige Tochter aus der Lagerhaft in Tscherepowez, 1947.

Rotkreuzpostkarte des Tagebuchverfassers (1908-1995) an seine Tochter (1939-2013) mit Geburtstagsglückwünschen. Der Geburtstag der Tochter war am 25. Oktober, geschrieben wurde die Karte bereits am 12. September 1947. In der Absenderadresse wird das „Lager 7437“ angegeben. Es lag in Tscherepowez im Rayon Wologda, gut 300 km nördlich von Moskau (siehe Kartenmaterial hier.) Die Karte trägt bemerkenswerterweise einen kreisrunden Poststempel mit der Umschrift „URSS – Moscou“, also mit den französischen Bezeichnungen der UdSSR und der russischen Hauptstadt.

„12. September 1947

Geliebtes Herzelein!

Herzinnige Glückwünsche zum Geburtstage! Noch nicht gemeinsam feiern!! Elend! Aber nächstes Jahr. Grüße Schönewörde, Frau Gastwirtmeyer. Freue mich mit Euch arbeiten. Abends lesen soll spassmachen.

Tausend liebe Grüße

Vati.“

Tatsächlich wurde der Tagebuchverfasser im folgenden Jahr, 1948, aus russischer Lagerhaft nach Deutschland entlassen. Es scheint so, daß die Zahl der auf der vorliegenden Postkarte mitzuteilenden Worte von den Lagerautoritäten auf vermutlich 30 beschränkt worden war. So dürfte sich der verkürzte, grammatikalisch unvollständige Satz „Freue mich mit Euch arbeiten“ erklären.

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