Kategorie: udssr

Tagebucheintragungen ab der Gefangennahme 1944. 19. Oktober bis 21. Oktober 1944.

19.10.1944. 7.30 früh gefangen ((Die Gefangennahme erfolgte in Smederevo an der Donau, Serbien, gw)). Richtung Belgrad dort sammeln, dann zurück Richtung in Nis. Es ist ein Sauwetter. Gl. v. Stetten ist dabei. ((Zum Kontext der militärischen Ereignisse siehe hier.))

20.10.1944. Oblt. Ritter getroffen, Gabler, Resch über den 2/54. Haug u. Fust sind nicht dabei. W((…?)) nach Gradowatz. Eisenbahnhalle übernachtet.

21.10.1944. Topola ((Verortung Smederevo-Topola siehe untenstehende Karte, gw)). Baracke übernacht. Verpflegung((?)).

Abbildung: Rekonstruierende Kartendarstellung der Route (blaue Linie) des Gefangenentransports, an dem der Verfasser bis zum Zeitpunkt des obenstehend transkribierten Tagebucheintrags nach eigenen Angaben teilgenommen hat.
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Tagebuch, zweiter Band, 19. September 1945 bis 23. September 1945.

(Linke Seite)

Mittwoch, 19.9.45. Ich schreibe heute abend ((Stenozeichen)) unserer Funzel ((Stenozeichen)). Die Arbeit klappt gut, aber jede Kleinigkeit kann mich ((Stenozeichen)) 15 Jahren! Prozente bekommen wir immer wenig, 101-115, so schwankt es immer. Meine beiden Dreher belasten mich zu sehr. An Rubel, die wir allerdings nicht in die Hand bekommen, verdiene ich mit am meisten. Wir sollen für die Rubel einkaufen können. Es sind schon Kartoffeln, rote u. weiße Rüben gekauft worden. Es ist immer noch mieseliges Wetter. Heute gab es Fischgulasch u. Kartoffelbrei, sehr gut! Heute abend habe ich so 12 Pellkartoffeln, Mehlsuppe u. 200 g Brot gegessen. Ich bin übervoll. Morgen früh habe ich nichts mehr.

(Rechte Seite)

Freitag, 21.9.45. Heute ((Stenozeichen)) stark gefroren. Gestern war es schon unangenehm kalt. Die Arbeit klappt. Gestern habe ich K((…?)) nachgedreht. Die Erde ist heute morgen hart.

Sonntag, 23.9.45. Es ((Stenozeichen)) Matsch. Heute morgen schneite es zum ersten Male wurde aber bald ((Stenozeichen)) hell. Wir haben für Iwanowitsch Kartoffeln ausgerodet. 3 km Weg bis Ploskoje ((?)). Der Acker war sehr naß. Wir haben auf einem ziemlich großen Stück nur etwa 13 Ztn. ((Zentner, entspricht 50 Kilogramm, gw)) gerodet. Mittag bekamen wir eine gute Suppe, Brot, Schnaps u. Milch. Iwanowitsch, unser Mechaniker, ist ein fabelhafter Mensch, ihm zu liebe habe ich den Sonntag-

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Tagebuch, zweiter Band, 16. September 1945.

(Linke Seite)

Sonntag, 16.9.45. ((Stenozeichen)). Das ist ((Stenozeichen)). Die ((Stenozeichen)). Alle die Begebenheit ((Stenozeichen)) durchdenke ich jetzt fast täglich. Die schöne Zeit nach Feierabend. Oft wartete unsere Mutti an einer bestimmten Ecke, oft freute ich mich auf einen Theaterbesuch, dann die ((Stenozeichen)) Abendgymnasiums. ((Stenozeichen)). Ich habe vor allem wieder Buchsen gedreht. Allmählich ((Stenozeichen)) klapprige Drehbank lieb. ((Stenozeichen)). Ich habe noch 2 Nagelfeilen in Angriff genommen. Einen Bilderrahmen u. Nadeln will ich noch machen. Für 50 Zigaretten habe

(Rechte Seite)

ich 4 Butterbüchsen voll Kartoffeln bekommen. Ich ((Stenozeichen)) eben ((Stenozeichen)). Essen ist ausgezeichnet. Heute gab es Kartoffelbrei m. Bratfisch u. eine Kohlsuppe m. Fleisch. Gestern dasselbe m. Gulasch. ((Stenozeichen)) doppelt ((Stenozeichen)) Lager. Das Wetter hat ((Stenozeichen)) gebessert, heute haben wir sogar Sonnenschein. Vor meinem ((Stenozeichen)) in ((Stenozeichen)) Fabrik soll ich ein Schloß haben, dann kann ich meine Werkzeuge einschließen. Heute ((Stenozeichen)). Nach ((Stenozeichen)) Essen ((Stenozeichen)) Fotografien beschaut, früh schon habe ich meine Gedichte gelesen.

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Tagebuch, zweiter Band. 9. September (Fortsetzung) bis 11. September 1945.

(Linke Seite)

((Sonntag, 9.9.45 Fortsetzung)). Außerdem 200g Brot so daß ich außer meinen ((…?)) noch 400g habe, das macht sich schon bemerkbar. Prozentebrot ((?))  haben wir fast immer 200g Brot. Mittags gibt es eine anständige reichliche Suppe u. meistens Kartoffelbrei u. Fisch. Kochfisch oder Bratfisch, schmeckt ausgezeichnet. Abends gibt Haferbrei zur Zeit. Am Sonntag – Damentag ((?)) (..?)) unsere Spielgruppe aus dem Lager bei uns. Wir hatten Früh-, Mittags- u. Abendkonzert, sehr schön. Wie habe ich dabei an Hause gedacht. Wenn ich so auf meinem Strohsack ((Stenozeichen)) Bauch. Die Arbeit in ((Stenozeichen)) die ganze Woche an ((Stenozeichen)) Drehbank gestanden. Es ((Stenozeichen)). Die Herren vom Kdo. Wiechert sind am Donnerstag

(Rechte Seite)

zu uns gezogen. Ihr Zelt stand unter Wasser. Es hat die ganze Woche geregnet, ein furchtbarer Matsch ist! Unser Teich hat Frischwasser. Am Freitag morgen hat es zum ersten Male gereift. Ich habe fast jeden Mittag doppelte Suppenschläge gehabt, ein Kamerad ißt nicht er ist krank. Unsere Unterkunft ist ((…?)lich ((…?)). Ich habe seit, na dem letzten Winter wohl einen Schnupfen. In der Fabrik ist ein elender Zug!

Dienstag, 11.9.45. Seit ((Stenozeichen)) Fett ((Stenozeichen)). Es hat ((Stenozeichen)). ((Stenozeichen)) Part. ((Stenozeichen)) Buchsen.

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Exkurs: 30 Wörter frei. Postkarte des Tagebuchverfassers an seine 8-jährige Tochter aus der Lagerhaft in Tscherepowez, 1947.

Rotkreuzpostkarte des Tagebuchverfassers (1908-1995) an seine Tochter (1939-2013) mit Geburtstagsglückwünschen. Der Geburtstag der Tochter war am 25. Oktober, geschrieben wurde die Karte bereits am 12. September 1947. In der Absenderadresse wird das „Lager 7437“ angegeben. Es lag in Tscherepowez im Rayon Wologda, gut 300 km nördlich von Moskau (siehe Kartenmaterial hier.) Die Karte trägt bemerkenswerterweise einen kreisrunden Poststempel mit der Umschrift „URSS – Moscou“, also mit den französischen Bezeichnungen der UdSSR und der russischen Hauptstadt.

„12. September 1947

Geliebtes Herzelein!

Herzinnige Glückwünsche zum Geburtstage! Noch nicht gemeinsam feiern!! Elend! Aber nächstes Jahr. Grüße Schönewörde, Frau Gastwirtmeyer. Freue mich mit Euch arbeiten. Abends lesen soll spassmachen.

Tausend liebe Grüße

Vati.“

Tatsächlich wurde der Tagebuchverfasser im folgenden Jahr, 1948, aus russischer Lagerhaft nach Deutschland entlassen. Es scheint so, daß die Zahl der auf der vorliegenden Postkarte mitzuteilenden Worte von den Lagerautoritäten auf vermutlich 30 beschränkt worden war. So dürfte sich der verkürzte, grammatikalisch unvollständige Satz „Freue mich mit Euch arbeiten“ erklären.

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Tagebuch, zweiter Band. 31. August 1945 (Fortsetzung) bis 9. September 1945.

(Linke Seite)

((Freitag, 31.8.45 Fortsetzung)). Wir wollen ((Stenozeichen)) Zulagen gibt. 12 Std. ((Stenozeichen)). Mittag gab ((Stenozeichen)) Kartoffelbrei. Ich habe jetzt meinen Brotvorrat weggegessen. Flüssige Seife bekamen wir gestern etwas.

Sonnabend, 1.9.45. Das Wetter ((Stenozeichen)). Ab heute ((Stenozeichen)) 12 Std. Was wir ((Stenozeichen)) Zusatz bekommen ((Stenozeichen)). Das Kdo. heute zum Verpflegungsempfang. Lage ((…?)) die Butter ((Stenozeichen)). Der Tag ging besser hin als ich dachte.

Sonntag, 2.9.45. Wir haben heute nur von 7-12.00 gearbeitet, gestern Spektakel mit ((Stenozeichen)), ich sollte ein Loch zu tief gebohrt haben. Heute bekamen wir 1200 g Weißbrot u. 380g Zucker nachgeliefert u. 70g Butter. Da haben wir aber gehabt! Ich habe alle 1200g gegessen u. alle Butter. So gut habe ich als Pleni noch ((Stenozeichen, vermutlich: nie, gw)) gehabt. ((Plenni =  russisch für Kriegsgefangener, gw)).

(Rechte Seite)

Sonntag, 9.9.45. Ich habe tatsächlich nicht soviel Zeit, mein Büchlein ((…?)) zu füllen von 600 früh bis 1900 abends arbeiten wir. Es ist ein langer Tag. Abends ist es dunkel u. morgens langt die Zeit nicht. Mittags langt sie gerade zum Essen. Wir haben ein ausgezeichnetes, reichliches Essen! Ich werde so richtig satt, voll satt! Esse kein Brot mehr ((…?)). Einen ganzen Beutel voll, meine ersten ((?)) 1500 g habe ich Vorrat. Wir bekamen mal ((?)) Gurken und Zwiebeln. Als Zusatzkost für unsere 11. u. 12. Stunde bekommen wir morgens eine Kartoffel-Kohl-Suppe. Es fehlt nur Fett darin, sonst ist sie ausgezeichnet.

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